Von Irene Mayer-List

Emil Hein ist 62 Jahre alt und Rentner. Ein großer, gut aussehender Mann mit Menjoubärtchen, der gerne diskutiert und viel raucht. Früher arbeitete er als Betriebselektriker bei Thyssen. Vor drei Jahren wurde er pensioniert. Seine Frau war einige Jahre vorher gestorben, und er begann ein Rentnerdasein ohne Aufgaben, ohne Verantwortung. Wohl fühlte er sich dabei nicht. „Das ganze Selbstbewußtsein, das man hat, wenn man arbeitet, geht plötzlich flöten. Zu Hause in der Wohnung bleibt nur Leere und die große Isolation“, sagt er und zieht an seiner Zigarette. Am Tage sei die „Trostlosigkeit“ nicht so schlimm gewesen, aber abends habe er das Alleinsein sehr gespürt.

Emil Hein hat Kinder, dreizehn an der Zahl. Doch der Vater sagt: „Die sind am fröhlichsten, wenn ich wieder abreise. Die haben ihr eigenes Familienleben, da soll man nicht mitmischen.“ Aber „die nächsten zwanzig Jahre mit anderen Rentnern auf der Parkbank sitzen und abends kegeln gehen“, das wollte der resolute Mann auf keinen Fall. Also schloß er sich vor einigen Monaten einer Selbsthilfegruppe an. Seither lebt er fernab vom Ruhrgebiet in einem alten, heruntergekommenen Bauernhaus in der Eifel: in der Rentnerkommune vom Klösterchen Stadtkyll. Das kleine Dorf, achtzig Kilometer von Köln und zwölf Kilometer von der belgischen Grenze entfernt, hat nicht einmal einen Bahnhof. Sechs Rentner haben sich im ehemaligen Schwesternheim der Franziskanerinnen mitten im Dorf einquartiert und bewirtschaften gemeinsam zweitausend Quadratmeter Land. Sie halten Schafe, Ziegen, Hühner, Hasen und Bienenvölker. Sie produzieren Honig und stellen Kräutersalben her. Sie betreiben einen kleinen biologisch-dynamischen Gemüseanbau und daneben eine große Kompostanlage, in der Regenwürmer Abfälle zu Pflanzenerde umsetzen.

Initiator des „Clubs“ ist der 62jährige ehemalige Versicherungsmakler Paul Wilms aus Solingen. Vor vier Jahren kaufte er zusammen mit seiner Frau Lucia das Klösterchen für 135 000 Mark. Mit Anzeigen im Kölner Stadtanzeiger und in einem Reformhaus-Blatt suchte er nach Gleichgesinnten. Als erste meldete sich eine pensionierte technische Zeichnerin aus Hamburg, die allein in einem Häuschen lebte und nicht nur Angst vor der Einsamkeit hatte, sondern auch davor, daß keiner ihr helfen würde, wenn sie einmal krank wäre. Mit ähnlichen Motiven kam auch ein Berliner Elektroingenieur, der schon mehrere Schlaganfälle hinter sich hatte. Der 77jährige Mikrobiologe Hans Bartram schließlich zog aus einem Altersheim ins Kloster. Im Heim hatte er zwölf Jahre lang unter „Bevormundung, Frustration und Lebensverdruß“ gelitten. In diesem Sommer werden ein 77jähriger Gärtner und eine gerade pensionierte Krankenschwester dazukommen.

Im Klösterchen Stadtkyll kommen die Rentner selten zur Ruhe. Jeder hat seine festen Aufgaben. Zu den niedergeschriebenen Grundsätzen der Gemeinschaft gehört: „Wir wollen noch tätig sein, jeder nach seinen Fähigkeiten und Neigungen, um gesund und zufrieden zu bleiben. Wir wollen unseren Tag sinnvoll ausfüllen.“

Der Tag beginnt mit einem gemeinsamen Gebet in der kleinen Kapelle. Um acht Uhr gibt es ein großes Frühstück: Eier aus dem eigenen Hühnerstall, Joghurt, der in der Molkerei gegen Hasen eingetauscht wurde, eigenen Honig und selbstgemachte Marmeladen. Hundert Marmeladentöpfe wurden im vergangenen Jahr in der altmodischen Klosterküche eingekocht. Auf den Schildchen stehen so exotische Namen wie: Schlehen, Eberesche, Holunder und Hagebutten.

Nach dem Frühstück geht jeder seine eigenen Wege. Die Frauen putzen, bügeln und kochen, arbeiten im Gemüsegarten und füttern die Hühner und Hasen. Den Schafen und dem Ziegenbock Oskar wird ein altes Stück Brot oder Kuchen zugesteckt.