Das ist das Schönste, was ich seit langem gesehen, gehört habe: John Cages „Roaratorio – Ein irischer Circus über Finnegans Wake“. Wie es zu diesem Hörspiel kam, das 1979 als „überzeugendes grenzerweiterndes Beispiel der Radiopoesie“ mit dem Karl-Scuka-Preis für die beste Komposition ausgezeichnet wurde, hat Cage in der Rede, die er bei der Preisübergabe hielt (und die im Textbuch abgedruckt ist), beschrieben. Zunächst hatte er, James Joice schon lange auf der Spur, ein „Writing through Finnegans Wake“ geschrieben. Der Text hatte 120 Seiten, auf denen der Name James Joyce, in 862 Mesosticha (die in der Mitte jeder Zeile stehenden Buchstaben ergeben, von oben nach unten gelesen, den Namen) aneinandergereiht waren. Dieses Manuskript kürzte Cage, dann schlug Klaus Schöning, der Leiter der Hörspielabteilung des WDR, ihm vor, diesen Text mit einer Komposition zu komplettieren. Was Cage tat, war das Einfache und Exzentrische und das diesem großen Steinbruch einzig Kongeniale: Er sammelte (mit Hilfe eines Buches, in dem alle von Joyce erwähnten Ortlichkeiten aufgelistet sind) die Klänge und Geräusche des „Finnegan“ und schnitt sie mit seiner Lesung des eigenen „Writing through Finnegans Wake“ und irischer Volksmusik zusammen. Das klingt einfach, war aber als Sammelaktion wie auch durch Auswahl und Herstellung sehr kompliziert. Jetzt liegen das Textbuch und die Tonbandkassette vor, und das Erlebnis für den, der sich, das Buch in Händen und den „Walkman“ über die Ohren gestülpt, in einen bequemen Sessel setzt, ist allumfassend. Glockenläuten und Schafblöken, Kindergeschrei und Hundegebell, Wasserrauschen und Vogelpiepsen, Autokrach und irisches Volkslied: Alles das und unendlich viele, andere Geräusche mehr, immer wieder sanft unterbrochen durch den Singsang des vorlesenden John Cage, strömen in den Kopf. Das Universum ist in Ohr und vor den träumenden Augen, unendliche Poesie und paradiesisches Chaos (John Cage: „Roaratorio – Ein irischer Circus über Finnegans Wake“, herausgegeben von Klaus Schöning, Kassette mit Begleitband, zweisprachig deutsch/englisch, Athenäum, Königstein; 180 S., 68,– DM).