London, im August

Für 3500 Mark hin und retour pro Person will der Londoner Anwalt Randolph Fields mit seiner neuen Firma „British Atlantic Airways“ jede Woche eine DC-10 voll Neugieriger zu den Falklands fliegen. Noch sind die Minen nicht weggeräumt und die Gemüter der Einheimischen kaum besänftigt, da soll schon alles besichtigt werden: Sicher möchten viele Tausend Briten in den Spuren der Paras das große Geschehen nacherleben, fast so wie auf den Schlachtfeldern Nordfrankreichs und Flanderns. Dort sind die britischen Soldatenfriedhöfe stets besonders gepflegt, und immer wieder machen Urlauber von der Insel auf dem Weg nach Spanien einen kleinen Umweg hier- und dorthin, wo es solch ein Stück Geschichte zu besichtigen gibt.

Sofern sie die Überfahrt in Newhaven beginnen, braucht es den Umweg nicht. „In der Hochsaison fahren wir sechsmal am Tag, und nach vier Stunden sind Sie schon in dem reizenden alten Hafen von Dieppe“, verspricht der Prospekt einer vielbestreikten Fährgesellschaft. Den Schauplatz der Niederlage, die dort einem britisch-kanadischen Landekommando vor 40 Jahren bereitet wurde, erreicht man für einen Bruchteil des Falkland-Tickets.

Und er wird begangen im Lande, jener 19. August 1942. „Dieppe“ das ist für viele, zumal ältere, Briten wie ein kleiner heftiger Nadelstich. „The Dieppe show“ pflegen die Colonels außer Diensten zu sagen, und meinen damit, daß es eine schlimme Sache gewesen sei.

Der Sunday Telegraph brachte die Gegner von gestern jetzt zusammen. Alte Photos wurden ausgegraben. Dort, wo ein deutscher Wachposten noch über der Stadt patrouillierte, tauschten die Kämpen von damals ihre Erinnerungen aus. Emil Kilgast aus Hamburg, ehemals Gefreiter im Regiment 175, zeigte den Briten, wo er am Maschinengewehr gelegen habe. Dennis Bult-Francis, einer der überlebenden kanadischen Offiziere, kam aus dem südfranzösischen Urlaub zum Veteranentreffen. Er wurde am Strand mehrfach getroffen, war aber zwei Jahre später bei der „richtigen“ Landung in der Normandie wieder dabei.

Die alten Kämpfer sind sich einig, daß die Landung ein vorhersehbares Gemetzel war. Einige maulen über Montgomery, der die Planung versiebt habe (zum Zeitpunkt des Landemanövers befehligte er aber schon in Afrika). Doch das geradezu liebevolle Stochern in den nur noch leise ziehenden Wunden haben sie mit „Monty“ gemein. Für ihn war das nachträgliche Genießen der großen Momente seiner buntscheckigen Karriere offensichtlich wichtiger als die militärischen Erfolge selbst. Seine berühmten Fernseh-„Memoiren“ gipfelten in der Schilderung seiner „Zwiesprachen“ mit Rommel vor der Schlacht. Dessen Bild hing in seinem Zelt, und „Monty“ baute sich lange Zeit davor auf. „Ich frage mich: ‚Was denkt dieser Mann jetzt?“ Die satirischen Imitationen solchen feldherrlichen Wiederkauens sind Legion. Sie gehören wie das ernsthafte, ja stolze Überdenken einstiger Erfolge zu den Selbstverständlichkeiten in einem Lande, das eben halt immer siegte, Fehlschläge wie Dieppe ausgenommen.

Der Militärhistoriker Liddel Hart erwähnt in seinem Buch über den Zweiten Weltkrieg die Episode überhaupt nicht (sofern 4000 Tote an einem langen Vormittag eine Episode sind). Churchill, der verantwortliche Politiker, verteidigte das Unternehmen: Man dürfe es nicht an den Verlusten messen. Die Deutschen hätten von da an mehr Truppen an den Atlantik geholt, und die hätten in Rußland gefehlt. (Als ob den Alliierten an einer Stärkung des Westwalls gelegen gewesen sei.) Als ehe der von Stalin geforderten Aktionen an der „zweiten Front“ war es auch nicht gerade geeignet, den bedrängten Russen baldige Hilfe zu signalisieren. Oder sollte der Fehlschlag beabsichtigt gewesen sein, eben um Moskau zu „beweisen“, derzeit lasse sich am Atlantik nichts machen?