In der öffentlichen Meinung gilt die Justiz noch immer als konservative Bastion. Anderseits beschweren sich Politiker immer häufiger über „linke“ Arbeits- oder Verwaltungsgerichte. Welches Bild von der Justiz ist richtig?

Bernd Asbrock: Es ist sicherlich richtig, daß die Justiz nach wie vor eine konservative Bastian darstellt. Seit Anfang der 70er Jahre hat sich aber die Zusammensetzung des richterlichen Personals unübersehbar verändert. Da wurden Juristen Richter, von denen das früher nicht vorstellbar war. So uralten heute die Jurastudenten der 68er-Generation ihres Amtes, die damals gegen Notstandsgesetze demonstriert haben. Als Richter arbeiten neben Jusos auch Grüne, Umweltschützer, AKW-Gegner, Wehrdienstverweigerer und Anhänger der Friedensbewegung.

Gibt es ein typisches neues Richterbild?

Asbrock: New, aber es gibt typische Aspekte: Der neue Richter ist nicht nur reiner Gesetzesanwender; er versucht, die soziale Realität und die Folgen der Entscheidung miteinzubeziehen. Konkret heißt das etwa für den Bereich des Strafrechts, sich vor einem Urteil Erkenntnisse über die Persönlichkeit der Beschuldigten zu verschaffen durch Einschaltung der Gerichtshilfe und Bewährungshilfe.

Viele junge Richter haben ihren Beruf mit großem Elan und Reformeifer begonnen. Eine große Zahl hat aufgegeben, hat resigniert. Warum?

Asbrock: Ich glaube nicht, daß tatsächlich eile große Zahl der jungen Richter resigniert hat. Eine wesentliche Rolle spielt indes der durch Dienstaufsicht, Beurteilungswesen und Beförderungssystem ausgeübte Anpassungsdruck. Wer sich diesem Druck widersetzt, muß mit eher informellen Sanktionen rechnen; diese aber haben selten disziplinarrechtlichen Charakter: zum Beispiel Benachteiligungen bei der Geschäftsverteilung.

In welchen Bereichen prallen die Vorstellungen der älteren und jüngeren Richtergeneration besonders hart aufeinander?