Er hat das Undenkbare zu Ende gedacht

Von Gero von Boehm

New York

Die einen nennen ihn einen Träumer und Utopisten. Den anderen gilt er als Prophet. Und Helen Caldicott, Ärztin aus Boston und eine Jeanne d’Arc der amerikanischen Friedensbewegung, erhebt ihn mit feuchten Augen gar zum Autor der „neuen Bibel“. Dabei wollte Jonathan Schell mit seinen Recherchen und Gedanken zum „Schicksal der Erde“ (Auszüge aus dem Buch brachte DIE ZEIT in Nr. 27 und 28) doch nur jenseits von Abrüstungsdoktrin und Waffentechnologie konsequent zu Ende denken, was die atomare Bedrohung bedeutet und wie man sich einen Holocaust vorzustellen hätte. An einen Bestseller hatte niemand gedacht, als man sich vor fünf Jahren in der Redaktion des New Yorker entschloß, Schell auf dieses Thema anzusetzen. Damals fand die Diskussion über solche Fragen vor allem in Außenseiter-Zirkeln statt. Jonathan Schell ist Redakteur des New Yorker, jenes Hausblattes der intellektuellen Ostküsten-Oberschicht, das sich zwischen Anzeigen für Gucci-Schuhe und Golfgepäck auch gern den Luxus leistet, einem Journalisten fünf Jahre Zeit für eine Artikelserie zu gewähren. Welcher Schreiber träumt nicht davon?

Nachdenklich nippt Jonathan Schell an seinem grünen Tee im „Yamaguchi“, einem japanischen Restaurant in der 45. Straße, einen Steinwurf weit vom New Yorker. Bis jetzt hat er Interviews mit der ihm eigenen, fast überfreundlichen Bestimmtheit abgelehnt, die es schwermacht zu insistieren. Bisweilen brachte er die Verlage im In- und Ausland, die sein Werk als Buch auf den Markt brachten, zur Verzweiflung. Während sich Autoren sonst begierig den Talkmastern an den Hals werfen, hatte Schell nicht einen einzigen Fernseh-Auftritt. Auch Photos existieren nicht. Ist gerade das der PR-Gag? Man nimmt es ihm ab, wenn er sagt: „In Interviews kann alles nur verkürzt und damit entstellt werden. Außerdem fände ich Autorenrummel bei diesem Thema unangemessen.“ Wenn er spricht, macht er manchmal lange Pausen, überlegt, als müsse er die Sätze zu Papier bringen. Oft streicht er sich durch die etwas wirre Blondmähne. Er fällt nicht auf unter den Bankern und Rechtsanwälten, die um uns herum sitzen: weißes Hemd und Krawatte; vielleicht hat das Samtjackett zu breite Revers und die Hose etwas zuviel Hochwasser.

Jonathan Schell ist nicht der Typ, von dem man ein Buch über „Gefahr und Folgen des Atomkriegs“ erwartet. Bei uns wird immer gleich in Schubladen gesteckt: Wer solche Themen macht, muß links oder alternativ oder grün sein. In Amerika ist das – noch – anders. Vielleicht ist auch das die Freiheit, die sie meinen.

Wir haben vergessen zu bestellen. Die japanische Kellnerin wollte uns nicht stören. Jonathan Schell hatte von seinem Studium der fernöstlichen Geschichte in Harvard erzählt und von der Faszination, die die Denkungsart des Fernen Ostens auf ihn ausübt. Seine Freundlichkeit wird erklärbar. Aber vielleicht auch die fast pedantische Art der Darstellung in seinem Buch.