Peter Glotz hat für die Volksparteien das Bild vom schwer beweglichen Tanker geprägt. Er hat daran erinnert, als er sagte, in der SPD wachse die Erkenntnis, daß eine neue Theorie der Sozialpolitik notwendig sei, da die traditionellen Formen des Sozialstaates, wie sie sich geschichtsnotwendig entwickelt hätten, nicht mehr genügten. Eine neue Theorie der Sozialpolitik sei notwendig, vernünftige Formen der Selbsthilfe, der Subsidiarität. Aber das brauche seine Zeit.

Nur zwei Tage später hat Glotz als ein entscheidendes Wahlmotiv für die SPD in Hessen die Politik Börners „für eine gerechte Sozialordnung“ genannt. Börner freilich ist ein traditioneller SPD-Sozialpolitiker von Format, der sein Handwerk bei jenem Ernst Schellenberg gelernt hat, dessen Vorstellungen von Sozialpolitik Glotz als nicht mehr ausreichend empfindet.

Die Einsicht, daß die SPD notwendige Reformen des Sozialstaates verschlafen hat, ist eine Sache, die Konsequenz für die praktische Politik, gar für den Wahlkampf daraus zu ziehen, eine andere. Und die delikate Aufgabe des SPD-Geschäftsführers besteht darin, sowohl auf der Brücke des Tankers weithin sichtbare Signale für den alten Kurs zu geben, als auch mit jenen, denen die Fahrtrichtung nicht mehr geheuer ist, vorsichtig über eine Kursänderung zu beraten. Dies nennt man einen Rollenkonflikt. -el