Noch ist das „Kleingedruckte“ einer Libanon-Lösung umstritten

Von Andreas Kohlschütter

Damaskus, im August

Steine flogen, Fensterscheiben gingen in die Brüche, fünfhundert palästinensische Demonstranten aus dem großen Flüchtlingslager am Stadtrand setzten zum Sturm auf die US-Botschaft in Damaskus an. Sie verwünschten den „US-Imperialismus“, zeterten in Sprechchören gegen die Achse Washington-Tel-Aviv, forderten die Schließung aller amerikanischen Vertretungen auf arabischem Boden. Dazwischen immer wieder lautstarke Rufe „Allahu-Akhbar“ – Allah ist groß. Die Demonstranten erzwangen am Ende die Annahme eines an Präsident Reagan gerichteten Anklageschreibens, einige ihrer Rädelsführer Wetterten die Fassade hoch, um unter tosendem Jubelgeschrei das Sternenbanner auf dem Dach einzuholen, die palästinensische Flagge zu hissen und ein Arafat-Porträt zur Schau zu stellen. Einige versuchten, mit Eisenstangen das Eingangstor aufzubrechen. Bevor es dazu kam, schritt die Polizei mit einem Crescendo von Lautsprecherdrohungen ein. Der Mob zog ab.

Im straffgelenkten, scharfbewachten Syrien Präsient Assads sind solche Ausbrüche selten und nie spontan. Oft schon sind die Amerikaner Zielscheibe des „Volkszorns“ gewesen. Doch ein geschockter US-Diplomat meint: „Diesmal war es anders, beängstigender, zügelloser, häßlicher. Das waren nicht mehr Syrer, sondern Palästinenser.“

Glaubten die Regisseure, es könne, nachdem sogar im konservativen Kuwait und im königlichen Amman öffentliche Palästinenser-Proteste gegen Israels Libanon-Krieg zugelassen worden waren, der forsch-radikale Frontstaat Syrien nicht länger leisetreten? Wollten die Drahtzieher möglichen Zweiflern innerhalb des Assad-Regimes vorführen, welches Risiko für Syriens Ruhe und Ordnung die Aufnahme von PLO-Kämpfern aus Beirut und die Verstärkung der Palästinenserpräsenz im Lande bedeutete? Sollten zwei Fliegen auf einen Schlag getroffen werden – Amerikaner wie Palästinenser?

Die ungewöhnliche, mit palästinensischem Stempel versehene Gewaltanwendung gegen die US-Botschaft in Damaskus fiel mit dem bruchstückartigen Bekanntwerden eines neuen Beiruter Friedens- und PLO-Evakuierungsplanes zusammen. Dieses jüngste Werk des Washingtoner Unterhändlers Philip Habib sieht – so heißt es – erfolgversprechend aus: „Wir unterhalten uns nicht mehr über Theorien, es geht jetzt um die Praxis.“ Eine Übereinkunft über den Grundsatz, die zahlenmäßige Verteilung, die Aufnahmeländer, den Fahrplan und die internationale Beaufsichtigung des PLO-Abzuges sei erreicht worden: