Mit harscher Kritik haben die Gewerkschaft ten die Sparbeschlüsse der Bundesregierung als „sozial unausgewogen“ abgelehnt und Aktionen dagegen angekündigt. Ein „heißer Herbst“ wird die Bonner Regierungskoalition wieder in Bedrängnis bringen.

Die neue Apo ist da. Doch anders als in den sechziger Jahren rekrutiert sich die außerparlamentarische Opposition diesmal nicht aus der unzufriedenen studentischen Jugend, sie erwächst Regierungskoalition und Opposition vielmehr aus der Arbeitnehmerbewegung, die lange Jahre – wenn auch manches Mal mit Zähneknirschen die Politik der sozial-liberalen Regierungskoalition mitgetragen hat.

Die Gewerkschaften sind verbittert darüber, daß den Arbeitnehmern mehr Lasten aufgebürdet werden als der übrigen Bevölkerung. Eugen Loderer, der Vorsitzende der IG Metall, hat sich zu ihr rem Sprecher gemacht: „Wenn siebeneinhalb der acht Milliarden Mark von den Arbeitnehmern bei diesem Opfergang aufgebracht werden müssen und alle übrigen im deutschen Volke tragen nur mit eineinhalb Milliarden Mark bei, dann ist das keine sozial-gerechte Verteilung mehr, dann muß es sich die Regierung gefallen lassen, daß wir sie massiv angreifen.“

Wenn die Gewerkschaftsführer zum Auftakt der alljährlichen Lohnrunden starke Töne anschlagen, dann kann man das als Teil des üblichen Rituals von Tarifverhandlungen abtun. Jenseits aller Rabulistik fand Eugen Loderer diesmal auch leisere, dafür eindringliche Töne, in denen Enttäuschung ebenso mitschwang wie vage Hoffnung. Die Warnungen und Mahnungen an die Sozialdemokraten auch in diesem Fall als Theaterdonner zu werten, mit ihnen „wie mit Falschgeld“ umzugehen, wie der SPD-Bundestagsabgeordnete Helmut Rohde befürchtet, wäre fatal.

Die Gewerkschaften hätten wohl auch diesmal die Kröte geschluckt, wäre bei den Haushaltsberatungen für 1983 die eine oder andere ihrer Forderungen berücksichtigt worden und hätten sie nicht das Gefühl, die Sparaktion erfolge „auf dem Buckel der Arbeitnehmer“. Doch so sehen sie sich im Stich gelassen von ihren sozialdemokratischen Freunden. Und daran dürfte der Brief des Bundeskanzlers an alle Gewerkschaftsführer ebensowenig ändern wie die öffentlichen Apelle seines Finanzministers, der nicht müde wird, stereotyp zu behaupten, die Sparbeschlüsse seien sozial ausgewogen.

Das Dilemma der Gewerkschaften; Um der Glaubwürdigkeit ihrer Grundsätze willen und gegenüber ihren Mitgliedern müssen sie gegen eine Regierung mobil machen, die sie im Grunde bejahen. Denn sie wollen, so Loderer, „keine andere Regierung“ sondern „eine andere Politik“.

Auf die Frage, wie denn eine parlamentarische Mehrheit für eine andere Politik zu erreichen sei, wissen sie allerdings auch keine Antwort. Mit der FDP ist das nicht zu machen. Und die Anbiederungsversuche der Opposition bieten auch wenig Hoffnung, denn eine von der CDU/CSU geführte Bundesregierung wird wie die Erfahrung lehrt – eher dem Wirtschaftsflügel als dem Arbeitnehmerflügel der Union folgen.