ARD, 12. 7., 18. 7., 19. 7., 25. 7., 26. 7., 1. 8., 2. 8., 8. 8.: „Blut und Ehre. Jugend unter Hitler“ von Helmut Kissel.

Natürlich hat es, hier und da, auch das gegeben, zwischen 1933 und 1945: daß der eine beim Betreten des Kinos seinen strammen Hitler-Gruß entbct, daß der andere beim Tortenanschneiden des Führers gedachte oder daß die Dritte ihrem Freund einen Brief schrieb, der mit den Worten „Heil Hitler und viele Küsse“ (oder umgekehrt) endete. Natürlich gab es den einen unter Zehntausend, der seine Eheliebste noch im Umkreis des heimischen Lagers mit „Heil Hitler, mein Schatz“ titulierte. Nur, typisch war vielmehr das „N’Abend, Mutter“, das der von der Arbeit heimgekehrte Parteigenosse der in der Frauenschaft tätigen Gattin zurief.

Typisch war nicht das wie die Industriellen-Villa in einem Reinecker-Film wirkende Gebäude der Bannführung – typisch war ein muffig-schäbiges Haus mit aufgestapeltem Gestühl und tristen Amtsstuben, wo Uniformierte des sogenannten „Papierkrieg“ erledigten. Typisch war die Mischung aus Kaserne, Wachstube und Schule. Typisch war der Bannführer auf dem Motorrad und nicht im Nobel-Pkw. (Dergleichen blieb den höheren Chargen vorbehalten: „Vorwärts, vorwärts, Baldur, der fährt Mercedes vorwärts, vorwärts, wir aber tippeln per pedes.“) Typisch war nicht das Schwarz-Weiß, sondern das Grau; nicht die dramatische Aktion, sondern das erbärmliche Einerlei; nicht das Böse in Permanenz, sondern das Doppelgesicht der Erscheinungen: Bündisches Spiel und vormilitärischer Drill in eins.

„Blut und Ehre“: das war ein Action-Film in vier Teilen, in dem, nach dem Modell von „Holocaust“, die Schurken und die Helden, die Opfer und die Täter einander unvermittelt gegenüberstanden, die Angepaßten und die Aufrechten. Kein Wunder, daß bei solcher Schematik der eigentliche Schrecken ausgespart blieb: die Indienstnahme von Idealismus, Gemeinschaftsverpflichtung und sozialem Engagement zur Beförderung von Vernichtung und Unterdrückung – eine Indienstnahme, die allein deshalb gelingen konnte, weil es eben nicht nur, wie im Film dargestellt, die zur Denunziation Auffordernden gab, sondern auch jene alten Nazis – sie waren sogar in der Überhand –, die Denunziation als eines „deutschen Jungen unwürdig“ bezeichneten.

Die Parteigenossen, die – nicht erst nach 1945 – ihren Persilschein hatten, da sie die Familie weiter zum jüdischen Arzt schickten; die Amtswalter, denen das kleine Privatleben wichtiger als die großen Phrasen war; die Hitler-Jugendführer, die ein Auge zudrückten, wenn der Nichtuniformierte die Verpflichtung, sich eine Kluft anzulegen, durch ein jahrelanges Verlängern des sogenannten „Überweisungsvorgangs“ (von einer Einheit zur anderen) umging – sie alle, die den Faschismus erst möglich machten und seine Tarntruppen waren: Sie kamen in diesem gewiß gutgemeinten, aber am Ende verharmlosenden Thriller nicht in den Blick.

Die Wirklichkeit damals war schlimmer, weil sie sich im Detail harmloser ausnahm –, widersprüchlicher, und vor allem „privater“, als der Film den Betrachter am Bildschirm glauben ließ – ein Film, der die historische Wahrheit verspielte, weil er das Miteinander von „N’Abend“ und Konzentrationslager unbeachtet ließ. Ein Film, der das Detail in farcenhafter Weise überzeichnete. („Ich kann mein Pflichtjahr nicht erwarten“, sagte ein Mädchen: Ausgelacht worden wäre sie, mit solcher Rede, von den BDM-Führerinnen!) Ein Film schließlich, der im einzelnen so unpräzise war, daß sich schon aus diesem Grund die Atmosphäre des alltäglichen Faschismus, das Strammstehen und die Schwärmerei für Ilse Werner und Rosita Serrano, Aufmarsch, Schnulze und Mief, radikal verkannt sah – eine Atmosphäre, in der die Judenmörder ihre Zimmer mit Dürers Kleinem Rasenstück und der Uta von Naumburg auf einer Kunstpostkarte schmückten und die Amtswalter (Amtsverwalter hießen sie in diesem Film, der die Diktion der Tausend Jahre bestenfalls sekundenlang traf: wenn Zarah Leander sang oder die Hauptperson mit einem „Pst! Furtwängler!“ auf den Volksempfänger deutete) ... und die Amtswalter, bevor es ans Messerwetzen ging, ihren Töchtern und Söhnen bedeuteten, daß schulische Erfolge am Ende doch wichtiger als der HJ- und der BDM-Dienst seien.

Widersprüche der Wirklichkeit – verdeckt in einem Film, der durch Überzeichnungen verharmloste. Die Summe pointierter Vorgänge führte zur Karikatur und verstellte die Wahrheit, weil er jene Antagonismen des alltäglichen Faschismus unberücksichtigt ließ, die sich heute etwa darin zeigen könnten, daß ein Vierzehnjähriger, der „Ausländer raus“ ruft, nicht für die Wehrsportgruppe Hoffmann, sondem für den Herrn Pfarrer schwärmt, dem er am Sonntag ministriert.

Momos