Bayern, Berlin und Hessen sind schon unter die Tausendgrenze gegangen, in Nordrhein-Westfalen legt ein Expertengutachten diesen Schritt ebenfalls nahe. Andere Bundesländer zögern noch. Dieser Tage war das zu lesen.

Es ist die Rede von der orthographischen Grundausrüstung – der Wörterzahl, die nach vier Grundschuljahren jedes Kind korrekt zu schreiben in der Lage sein muß. Der Druck auf die Schulen wächst offenbar. Nicht nur Industrie- und Handelskammern, auch Professoren, Gymnasiallehrer nutzen gern die Gelegenheiten, sich zu entrüsten: „Das wenigstens sollten sie doch lernen ...“ Eltern sehen angesichts von Rechtschreibschwächen die Zukunft ihrer Kinder bedroht – sie kann sich tatsächlich daran entscheiden, ob einer in den ersten vier Schuljahren die Orthographie zufriedenstellend schafft. Zirkel zur Förderung des Rechtschreibens florieren. Und Kinder lernen mit dem Rechtschreiben frühzeitig auch, was Streß und was Schlaflosigkeit ist. So kommen die Zufälligkeiten und Verrücktheiten der deutschen Orthographie zu ungeahnten Ehren.

Da war es ja wohl an der Zeit, daß dieses brisante Terrain von Wissenschaft und Verwaltung durchforstet würde, um Ungleichbehandlung und Beliebigkeit auszuschließen; 600 bis 1000 Wörter haben die Kinder in Hessen in vier Jahren korrekt schreiben zu lernen, in Düsseldorf, wie gesagt, erwägt man die Ermäßigung von derzeit 3000 auf 500 bis 700 Pflicht-Richtigwörter. Mehr sind erlaubt, der Kultusminister hat dies gerade richtiggestellt. Aber 500 bis 700 müssen mindestens beherrscht werden. In Bayern sind es übrigens genau 983, der Lehrplan 1982/1983 hat sie in einem Katalog namhaft gemacht.

Die Liste von 600 oder 983 Wörtern gibt der Lehrerin, den Eltern Verläßliches in die Hand. Endlich kann man Rechtschreibtests so entlastet handhaben wie Seh- und Hörtest, als eine Art orthographischen TÜV. Endlich ist festgelegt, ja vorgeschrieben, was schlimme und was weniger schlimme Rechtschreibfehler sind. Und man kann pro Jahr eine bestimmte Stückzahl der namhaft gemachten Grundwörter gezielt aufs Korn nehmen – etwa 20 Wörter pro Monat, müßte das nicht zu machen sein?

Ich stelle mir einige Folgen dieser Aufklärung vor. Müßte da jetzt nicht in jedem Diktat mit zweierlei Maß gemessen werden – Fehler an Wörtern der orthographischen Grundausbildung wiegen doppelt und dreifach. Geängstigte und aufgeklärte Eltern, müßten sie nicht auf den Gedanken kommen, sich Drillhilfen für die Grundwörter zu beschaffen, die Lernspielindustrie wird nicht zögern. Und die Kinder werden die Lehrerin anstarren wie das Kaninchen die Schlange, wenn sie verlauten läßt, im nächsten Satz steckten gleich drei Wörter von denen, an denen es sich zeigt, ob einer rechtschreiben kann oder nicht. Lehrbuchverlage werden Sprachbücher bringen für jene 983 beziehungsweise 600 Wörter, an denen man sehen kann, ob ein Zehnjähriger angemessen die Rechtschreibung beherrscht oder nicht.

Staunenswert, was uns.-immer wieder einfällt, um wenigstens jenen Teil unserer Kultur zu retten, der sich im Duden niedergeschlagen hat.

Horst Rumpf