Der Medizinprofessor nimmt eine Röntgenbildfolie, auf der viele schachbrettartig angeordnete Einzelaufnahmen zu sehen sind, und hängt sie in einen Apparat. Dann fährt er mit einer Minikamera darauf zu – und auf dem Monitor erscheinen mit zunehmender Bildschärfe Hirngefäße eines Patienten,

Jede Ader, jedes Äderchen ist in dreidimensionaler Darstellung deutlich erkennbar. Und gut sichtbar ist auch der – in diesem anonymen Fall – pathologische Befund: gefährliche Gefäß Verengungen am Hirnort XY. Nun können die Gehirnchirurgen exakt entscheiden, wo, wie und mit welchem kalkulierbaren Risiko für den Patienten sie einen Eingriff wagen können.

Die jüngste radiologische Diagnosetechnik, Tomosynthese genannt, hat viele Väter. Einer ist Professor Maschallah Nadjmi, Chef der Neuroradiologischen Abteilung des Kopfklinikums der Würzburger Universität, ein längst eingedeutschter Perser. Die anderen sind in den medizinischen Labors des Philips-Konzerns in Hamburg beschäftigt. Mathematiker, Physiker und Radiologen des holländischen Elektro-Multis haben in jahrelanger Detailarbeit Nadjmis gedankliche Vorarbeiten in die Praxis umgesetzt – eine späte Folge der X-Strahlen-Entdeckung durch den Würzburger Professor Wilhelm Conrad Röntgen im Jahr 1895.

Das Geheimnis des neuen Tomographie-(Schnittbild-)Verfahrens beruht nicht mehr – wie bisher – nur auf einer, sondern auf vielen Röntgenquellen und deren räumliche Ausrichtung. „Wir machen eine einzige Aufnahme mit 24 Röhren aus verschiedenen Positionen“, erklärt Nadjmi die Tomosynthese, „und dieses Gesamtbild können wir dann in einem zweiten Vorgang dekodieren, entschlüsseln. Praktisch können wir durch das Objekt hindurchgehen und alle Schichten, die man zur Diagnose braucht, dann später in Ruhe und mit Akkuratesse auswerten – ohne Anwesenheit des Patienten“.

Die Tomosynthese kann die mittlerweile in jeder großen Klinik praktizierte Computer-Tomographie (CT) ergänzen. Bei der CT wird der Patient durch die kreisrunde Öffnung eines speziellen Röntgenapparates geschoben und dabei Zentimeter für Zentimeter scheibchenweise durchleuchtet. Für diese wichtigste Weiterentwicklung der Röntgendiagnostik nach dem Krieg erhielt der Engländer Goafrey Hounsfield 1979 den Medizin-Nobelpreis.

Nicht im Gegensatz, sondern aufbauend auf Hounsfields Arbeiten entwickelten Nadjmi und seine Kollegen in Würzburg zusammen mit den Hamburger Spezialisten des Philips-Konzerns die Tomosynthese. „Diese Methode ergibt eine etwa hundertfach bessere, detailliertere Diagnose als bei herkömmlichen Röntgenaufnahmen“, lobt Nadjmi die Vorteile des neuen Verfahrens. „Ein Tumor, ein Blutgerinnsel oder ein Hirnabszeß erbringen andere Absorptionszahlen als das gesunde Hirngewebe. Die nicht ganz harmlose Anwendung von Kontrastmitteln wird man daher in Zukunft umgehen können.“

Die Strahlenbelastung durch den synchronen Einsatz von 24 Röntgenröhren – „Quellen“ – schätzt der Neuroradiologe gering ein; „Wir verwenden hierbei relativ schwache Quellen, wie sie beispielsweise auch in der Zahnmedizin üblich sind. Dadurch ist die gesamte Strahlenbelastung je Aufnahme geringer als bei allen anderen Verfahren – und dabei erhalten wir noch ein sonst nicht erreichbares, dreidimensionales Bild der speziell zu untersuchenden Krankheitsherde.“