Wider Kälte und Kastengeist: Wie Deutschlands junge Richter mit ihrer Zunft ins Gericht gehen

Von Joachim Wagner

Nürnbergs Justitia hat offenbar die Waage fallen lassen, die Augenbinde noch fester gen‘.“ und mit dem Schwert blind um der Hamburger Ich schäme mich für diese ,Kolleeinem Mit seiner Zunft hart ins Gericht ging der Hamburger Familienrichter Olof\ S. Masch (34) in einem „bewußt emotionalen“ Leserbrief an den Spiegel, in dem er seinem Ärger über die Nürnberger Massenverhaftung Luft Richter. „Ganz schön scharf formuliert, in der Sache aber richeilig urteilten junge Hamburger Richter. Mascho Dezernatsleiter dagegen war fassungslos und ließ eilig nachfragen, ob er „den Brief wirklich ein schrieben“ habe. Von älteren Kollegen kamen energische Ordnungsrufe; sie verlangten ein Disziplinarverfahren wegen „Verunglimpfung der Justiz“.

Die heiligen Hallen in Gefahr wähnten auch die Direktoren am Amtsgericht Hamburg. Einer der älteren Richter forderte entnervt eine „Kleiderordnung bei Gericht“. Das respektheischende Kollegium sah rot, waltete da doch ein forscher Frevler seines Amtes: Joachim Blunck (44), der Richter im „Guru-Look“. An sitzungsfreien Tagen trägt der Baghwanese Nicki und Kordhose im Sanyassin-Rot, um den Hals die Mala-Kette mit 108 Rosenholzperlen und einem Bild des Meisters. Wenn auch die Mehrheit der Direktoren auf eine offizielle Rüge verzichtete, für Farbe im grauen Justizalltag ist Richter Blunck immer gut. Justizangestellte und Richterkollegen schauen weg, wenn der Sanyassin-Rote ihren Dienstweg kreuzt, andere retten sich in mühsamen Spott: „So sportlich heute, Herr Kollege?“

Richter wie Masch und Blunck sind heute, anders als noch vor zehn, fünfzehn Jahren, nicht mehr Einzelgänger in den Wandelhallen der Justiz, sondern die Vorhut einer jungen Richtergeneration mit eigenem Profil- und Sendungsbewußtsein. In deutschen Paragraphentürmen haust heute keine geschlossene Gesellschaft mehr; der Esprit de corps ist ebenso verflogen wie der politische Konsens. „Ansatzweise“ spiegelt sich heute in der Justiz – so einer der Vordenker der neuen Richtergeneration, der Bremer Amtsrichter Hans-Ernst Böttcher – das „plurale Bild der Die sellschaft der Bundesrepublik“. Auf die Einschränkung „ansatzweise“ legt Böttcher Wert: Die Justiz denkt noch immer konservativer als das Gros der Bundesrepublikaner.

Zwei soziale Veränderungen haben den monolithischen Block Justiz in den letzten fünfzehn Jahren gesprengt: eine beispiellose Verjüngung der Richterschaft und die Eroberung der Männer-Bastion Gericht durch die Frauen.

Durch den gewaltigen Stellenzuwachs in der ersten Hälfte der sechziger Jahre konnte die Justiz zahllose frisch examinierte Assessoren einstellen. Im vergangenen Jahrzehnt sank der Anteil der über 50jährigen Richter um fast 15 Prozent. Von den 20 250 Richtern und Staatsanwälten, die am 1. Januar 1981 im Solde Justitias standen, waren bereits knapp 60 Prozent der Richter und knapp 70 Prozent der Staatsanwälte unter 45. Die Richter am Verwaltungsgericht Berlin sind durchschnittlich 36 Jahre, die Staatsanwälte Frankfurts 40 Jahre alt. Berücksichtigt man, daß Richter und Staatsanwälte kaum vor 28 ihre Robe überstreifen, wird deutlich, wie die Alterspyramide der Justiz in den letzten fünfzehn Jahren umgeschichtet worden ist.