Das Stück stammt von einem Italiener, aber es geht auf einen französischen Roman zurück. Auf der Bühne singen junge Italiener, aber auch ein (ausgezeichneter) brasilianischer Tenor, der sich mit diesem Auftritt den Beginn einer europäischen Karriere erhofft. Sie werden dirigiert von einem jungen Engländer, der sein Londoner Kammerensemble mitbrachte, aber im Orchestergraben sitzen auch junge Musiker aus Basel und Mitglieder des RIAS-Jugendorchesters aus Berlin. Sie sind alle Berufsmusiker, wenngleich am Beginn ihrer beruflichen Laufbahn. Aber die da sonst noch auf der Bühne agieren, als Huren, Diebe oder Kneipengäste, als Komparsen also, oder die hinter; der Bühne mit dem bißchen Technik eines Bühne die Opernillusion zu erschaffen suchen – sie sind Amateure, Bürger dieser kleinen Toscana-Stadt: „Manon Lescaut“ in Montepulciano.

Das sei doch assolutamente inconcepibile, völlig unvorstellbar, argwöhnte vorher der Kritiker von La Stampa, hielt es für einen hochstaplerischen Anschlag auf ein heiliges Gut der Nation und nahm mürrisch Platz in seiner Loge. Man werde umdenken müssen, befand er später und gab zu bedenken, ob nicht selbst die großen Theater aus dem Geist und dem Stil dieser Aufführung lernen könnten.

Das genau ist es: mit wenigen Mitteln, aber um so mehr Phantasie ein Opern-Szenarium schaffen, das ebenso genüßlich wie praktikabel wie intelligibel ist, ein Realismus der Vereinfachung, aber nicht simplifizierender Anspruchslosigkeit, sondern einer kreativen Zurückhaltung, die erfindet, wenn sie spart – auf einer Bühne, die kaum größer ist als hierzulande ein einigermaßen geräumiges Wohnzimmer, vergrößert allenfalls um ein paar über den Orchestergraben hinweggebaute Quadratmeter und eine Laufsteg-Rampe quer durchs Parkett. Hier entsteht aus wenig mehr als nichts ein Ambiente, das vorstellbar ist als Postkutschen-Station von Amiens, als Palast-Suite eines reichen Franzosen in Paris, als Schiffsanleger in Le Havre, als ein Stück oder Wüste irgendwo in Nordamerika.

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Das Märchen und die Illustrationen stammen von einem Franzosen, die Theater-Adaption wie die Inszenierung von einem Italiener; es treten auf: professionelle Schauspieler aus Florenz, aber auch die Kinder von Montepulciano: „Il Piccolo Principe – der kleine Prinz“ nach Saint-Exupéry. Die Bühne wie das Sehfeld eines Fernrohrs: Hinter dem runden Bühnenportal-Ausschnitt spielen sich in naiv-vereinfachender, aber in eben dieser Konzentration lebendiger und vor allem ungewöhnlich atmosphärischer Dichte die kleinen Szenen der Welt- und Lebenserfahrung und der Lehre von Wert und Wichtigkeit der Freundschaft ab.

Die Bühnenmusik komponierte ein Engländer; bei der Uraufführung aber musiziert der „Concentus Politianus“, eine Instrumentalgruppe von Kindern und Jugendlichen aus Montepulciano. Als dieser Concentus vor nicht einmal drei Jahren gegründet wurde, bedeutete dies den ersten eigentlichen Erfolg des Cantiere Internazionale d’Arte, der Kunstbaustelle, die Hans Werner Henze 1976 für die Stadt errichtete, für die er fünf Jahre organisierte und warb und komponierte und dirigierte und inszenierte. Seine den Kindern von Montepulciano gewidmete Oper „Pollicino“ (etwa: Der Däumling) war so etwas wie der krönende Abschluß eines Experiments, das ein Bürgermeister und ein Komponist begannen in der einen Hoffnung und Absicht: der Bevölkerung dieser Stadt, die vom offiziellen Kulturleben bis dahin (wie alle anderen Provinz- und Kleinstädte) vernachlässigt, um nicht zu sagen: total vergessen worden war, einen ersten Zugang zu Musik, Theater, Literatur und daraus folgend eine eigene Kreativität zu ermöglichen, nebenbei junge Musiker aus aller Herren Länder zusammenzuführen. Als Henze vor zwei Jahren seine Arbeit beendete, befürchtete manch einer das Ende auch der „Baustelle“. Allein: Es wird weitergebaut – und keineswegs schlechter, allenfalls anders,

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