Von Ludwig Hang

Da war ein Kerl, der hieß Karamanlis oder so was in der Art: Karakalb? Karakuh? Karabrut? Kurzum, Karadingsbums. Auf jeden Fall ein gar nicht alltäglicher Name, ein Name, der einem etwas sagte, den man so leicht nicht vergaß. Er hätte ein armenischer Abstrakter der Ecole de Paris sein können, ein bulgarischer Catcher, ein Großkopfeter aus Mazedonien, kurz, ein Bursche aus dieser Kante, ein Balkaniker, ein Yoghurtfresser..."

Mit diesen Sätzen beginnt die Erzählung "Was für ein kleines Moped mit verchromter Lenkstange steht dort im Hof?" des französischen Autors Georges Perec, womit zugleich auch das Thema angeschlagen ist, das Name und Herkunft, Anlässe und Absichten dieses Schriftstellers umschreibt. Perec ist nämlich dieser halborientalische, halbbalkanesische Kerl selbst, in allerlei Verkleidungen auftretend, allerlei Metamorphosen durchspielend, dabei immer methodisch exakt, sozusagen mit Inspirationen kalkulierend, ein Verwandlungskünstler, ganz vorne an der Rampe, doch ohne sich vorgedrängt zu haben wie sein biblischer Urahn.

Georges Schiocker, der Pariser Literaturkritiker, nennt ihn einen sokratischen Faun, einen faunischen Sokrates, Hans Dahlem, der saarländische Maler, sieht eine Ähnlichkeit mit einem assyrischen König, wie ihn Rouault gemalt hat, und tatsächlich, wer in der Bibel nachschaut, der findet dort einen Perez, der schon bei seiner Geburt die mit einem roten Bindfaden gekennzeichnete Hand seines Zwillingsbruders wieder hineinzog, als erster herauskam, worauf seine Mutter sagte: "Warum hast du um deinetwillen solchen Riß gerissen."

In seinem letzten, autobiographischen Buch "W oder die Kindheitserinnerung" erzählt Perec selbst, sein Name bedeute auf hebräisch "Loch", auf russisch "Pfeffer", auf ungarisch "Brezel", alles sei, arabisch wie hebräisch wie indogermanisch, nach ein und derselben Wurzel gebildet, und schon dieses genealogische Verwandlungsspiel zeigt die unlösbare Verbindung von Autor und Werk. Georges Perec führt vor, wie gerade eine methodisch strenge, eine nach Modellen und numerischen Plänen gearbeitete Literatur den mitspielenden Konstrukteur braucht und nicht den unparteiischen Laboranten, wie sich im Witz die Weisheit erst dann entfaltet, wenn der erzählende Besserwisser das Hirn des Mitwissers provoziert.

Georges Perec, seinem Namen und Wesen nach dieser Riß im Gefüge, dieser bewußte Schnitt im zusammenhängenden Ganzen, hat denn auch, nach einigen vorangegangenen Romanen, Erzählungen, Hörspielen einen, wie man getrost sagen kann, großen Roman geschrieben, in dem dieses "Rißhafte" thematisiert ist –

Georges Perec: "Das Leben – Gebrauchsanweisung", Roman, aus dem Französischen von Eugen Helmlé; Zweitausendeins Versand Dienst, Frankfurt, 1982; 894 S., 22,– DM.