Ein Schulbuchskandal belastet Tokios Verhältnis zu seinen asiatischen Nachbarn

Von Helmut Becker

Tokio, im August

Das ist eine völlig falsche Sicht, die nicht geduldet werden kann“, polterte Japans Regierungschef Suzuki im März 1981 vor dem Tokioter Reichstag. Eine Passage in den Sozialkundebüchern für Nippons Mittelschulen hatte das Mißfallen des Premiers erregt. Dort können Japans Teenager lesen: „Seit über einem Vierteljahrhundert hat die an der Macht befindliche Partei niemals die Herrschaft geteilt. Deshalb gibt es Anzeichen, daß das Verantwortungsbewußtsein dieser Partei geschwächt ist...“

Die Partei rächte sich. Kaum hatte die regierende LDP im Juni 1980 bei den Wahlen eine absolute Mehrheit erringen können, da machte sie sich in halsbrecherischer Entschlossenheit an die Säuberung der heimischen Lehrmittel. Im Sommer vorigen Jahres galt der Lehrmittel, der Gegenwartsdarstellung in den Sozialkundebüchern, die Suzuki als „dogmatisch und parteiisch“ geißelte, In diesem Jahr ging es um Vergangenheitsbewältigung. Bei der Abfassung der Geschichtsbücher für Oberschulen hielt das zuständige Kultusministerium die Schulbuchverlage an, „nicht Richter über unsere Väter und Großväter zu spielen“.

Dreizehn Inspektoren des Kultusministeriums knöpften sich die Autorenschaft der Oberschul-Geschichtsbücher vor und setzten eine Reform durch, „die eine willkürliche Änderung und Fälschung der Geschichte darstellt“ – so die Tageszeitung Mainichi. Als Resultat der Schulbuchreform darf Japans Schuljugend vom April nächsten Jahres an wieder patriotischen Stolz über die jüngste Geschichte empfinden.

Die systematische Annexionspolitik gegenüber China nach 1915 liest sich hinfort als harmlose „Beratung“. Der militärische Generalangriff 1937, in den alten Schultexten noch beim Namen „Aggression“ genannt, wird zu einer Art imperialistischem Wandertag verklärt: Es war nur ein „Vormarsch“, wenngleich mit neun Jahren und wechselndem Erfolg ein sehr langer Marsch.