Salzburger Festspiele: Peter Handkes neues Stück

/ Von Rolf Michaelis

So früh habe ich noch nie ein Theater zu einer Premiere betreten wie am 8. August die Felsenreitschule in Salzburg: morgens 10 Uhr 30. So spät bin ich schon lange nicht mehr aus einer Schauspiel-Premiere gekommen wie aus der Uraufführung von Peter Handkes neuem, seinem zehnten Stück: Fast fünf Stunden dauerte die Inszenierung des "Dramatischen Gedichtes": "Über die Dörfer" durch Wim Wenders und Hannes Klett.

Um 10 Uhr goß es in Strömen. Um 15 Uhr lachte die Sonne über der Salzach, als hätte sie gehört, was die Schauspielerin Libgart Schwarz als "Geist des neuen Zeitalters" eben verkündet hatte: "Tretet in den Moment der aufgehenden Sonne, die euer Maß sein wird. Nichts als ‚die Sonne und ihr‘, und die Sonne euer Weiterwinker. Die Sonne, sie hilft." Leider ist der freundliche Wetterbericht fast die einzige gute Nachricht, die ich aus Salzburg mitbringe.

Zu einer fremd-vertrauten Musik (Jürgen Knieper), die klingt, als ob ein großes Orchester die Instrumente stimme, tritt die Darstellerin der "Nova" genannten weiblichen Hauptfigur (Libgart Schwarz) in den Lichtkreis auf der leeren Bühne. Jean-Paul Chambas und Philippe Boudin lassen rechts einen Beton-Pfeiler emporragen. Er ist, neben einer Arbeiter-Baracke in Signalrot unter einer sich fast über die ganze Breite der Bühne dehnenden weißen Wolkenwand, einziges Zeichen für den Ort des Geschehens, eine Baustelle im Gebirge.

Nova spricht gereimte Verse, die zwar voller literarischer Anspielungen sind, deren Sinn gleichwohl dunkel bleibt: "Er war ohne Ohr für den unterirdischen Heimwehchor/Mann aus Übersee, blind für die Tropfen Blut im Schnee.../Wanderer ohne Schatten – Nordsüdostwestherr!" Mit den Blutstropfen im Schnee wird die Erinnerung geweckt an die Märchenfabel vom "reinen Toren" Parzival. Der "Wanderer ohne Schatten" ist durch Nietzsche bekannt, und der "unterirdische Heimwehchor" erklingt in einem Lied von Bob Dylan, wie ich aus einer ersten literaturwissenschaftlichen Studie lerne. Denn soviel ist rasch klar: Dieser mit literarischen Zitaten gespickte Text ist ein Schatzkästlein für Professoren der Philologie.

Es geht um mehr als...