Sehenswert

„Tote tragen keine Karos“ von Carl Reiner. Die Handlung ist labyrinthischer als selbst die komplexesten Intrigen von Raymond Chandler und Dashiell Hammett: Ein absurder Slalom durch die stilisierte Nacht-Welt von Hollywoods „Schwarzer Serie“, die 40 Jahre danach immer noch zahlreiche Nachahmer findet – von Lawrence Kasdan („Eine heiß-kalte Frau“) bis Wim Wenders („Hammett“). Der hartgesottene Privatdetektiv Rigby Reardon (Steve Martin) folgt der Spur eines ermordeten Philantropen und Käse-Forschers: durch verrauchte Hinterzimmer und verruchte Boudoirs, bis auf eine von Nazis okkupierte tropische Insel. Der Regisseur Carl Reiner und sein Star und Drehbuchmitarbeiter Steve Martin („Reichtum ist keine Schande“) plündern nicht nur clever den Bilder- und Figuren-Fundus des Genres, sondern warten mit einer neuen Variante der Grabräuberei auf. Von Humphrey Bogart und James Cagney bis zu Lana Turner und Ava Gardner tauchen die Stars der „Schwarzen Serie“ in überraschenden Nebenrollen auf. Mit einer ausgetüftelten Montage-Technik kombinieren Reiner und Martin alte Filmausschnitte und die in stilechtem Schwarzweiß gedrehten Anstrengungen ihres Schnüfflers. Der holt sich Rat bei Bogey, wird fast von Alan Ladd erschossen, erlebt Ray Milland als Trinker in Billy Wilders „Verlorenem Wochenende“ und flirtet, als Blondine verkleidet,

mit Fred MacMurray in „Double Indemnity“. So kommt es zu den vergnüglichsten Konfrontationen. Der amerikanische Verleih-Konzern UIP bringt den intelligenten Scherz in der Original-Fassung mit deutschen Untertiteln in die Kinos.

Hans-Christoph Blumenberg

Beachtlich

„Dirty Daughters“ von Dagmar Beiersdorf. Rita mag Ausländer nicht, nennt sie herablassend Kanaker. Die Straße des 17. Juni in Berlin ist ihr „Revier“. Dort verdient sie ihr Geld, Nacht für Nacht, als Prostituierte. Betty, ihr Freund, ein aufgedonnerter Transvestit, findet Ausländer anziehend. Sie sind Objekt seiner Begierde, aber auch seiner doppelten Moral. Er denunziert schließlich einen Ausländer – aus Mißgunst, vielleicht aus Eifersucht. Ritas Mitleid dagegen ist größer als ihr Vorurteil. Sie nimmt den asylsuchenden Libanesen Hossein bei sich auf, widerwillig zunächst, doch mehr und mehr bereit, seine fürsorgliche Zärtlichkeit zu erwidern. Sie hört sogar auf, auf den Strich zu gehen. Doch das kleinbürgerliche Idyll hält nicht lange. Die Verhältnisse, sie sind nicht so. Hossein findet keine Arbeit, und Rita steht wieder an der Straße des 17. Juni. Dagmar Beiersdorf spielt diese Prostituierte selber, sehr überzeugend in einer Mischung aus Berliner Schnoddrigkeit und Herzlichkeit. Und sie erzählt auch die Geschichte überzeugend, unsentimental und komisch, konzentriert sich auf ihre drei Hauptfiguren, deren Ängste und Sehnsüchte sie dem Zuschauer nahebringt. „Dirty Daugherts“ ist wie ihr erster Spielfilm („Puppe kaputt“, 1977) eine Low-Budget-Produktion (20 000 Mark) und den Lothar-Lambert-Filmen („Tiergarten“, „Die Alptraumfrau“, „Fucking City“), an denen sie mitarbeitete, in Thematik und Produktionstechnik nicht unähnlich, wenngleich Dagmar Beiersdorf ihre Geschichte stringenter erzählt und zurückhaltender als Lambert. Freilich ist Lothar Lambert als Transvestit Betty unübertrefflich: schockierend offen, überdreht eitel, tieftraurig. Anne Frederiksen

Empfehlenswerte Filme

„Domino“ von Thomas Brasch. „Melvin und Howard“ von Jonathan Demme. „Etwas wird sichtbar“ von Harun Farocki. „Yojimbo – Der Leibwächter“ von Akira Kurosawa. „Der Feind“ von Zeki Ökten und Yilmaz Güney. „Die Frau des Fliegers“ von Eric Rohmen „Drei Brüder“ von Francesco Rosi. „Reisender Krieger“ von Christian Schocher. „Gallipoli“ von Peter Weir.