Durch seine aggressive Politik verschärft Ministerpräsident Begin die Judenfrage

Von Nahum Goldmann

Die anmaßende israelische Invasion des Libanon und die Belagerung von West-Beirut werden unabsehbare Konsequenzen haben, vorwiegend negativer, vielleicht auch positiver Art.

Negativ hat sich Israel damit politisch mehr denn je isoliert. Es steht in den Vereinten Nationen und in der öffentlichen Weltmeinung so gut wie allein da, nur die Vereinigten Staaten stützen Israel noch immer und riskieren damit, sich der arabischen Welt dauernd zu entfremden. Militärisch wird Israel bestimmt siegen; freilich ohne jeden Grund, darauf stolz zu sein – dazu ist seine Überlegenheit gegenüber der PLO zu erdrückend. Man kann aber Schlacht um Schlacht gewinnen und doch den Krieg verlieren: Die deutsche Sprache hat dafür den Ausdruck „sich totsiegen“.

Bisher haben auch alle militärischen Siege Israels bloß neue politische Schwierigkeiten geschaffen, am meisten der ungewöhnlich schnelle Sieg im Sechstagekrieg, der zu der heutigen Situation geführt hat. Hinzu kommt, daß Israel zum erstenmal in seiner Geschichte einen Krieg führt, in dem es zweifellos der Angreifer ist. Die Regierung hat deswegen nicht die Zustimmung der ganzen Bevölkerung. Vielmehr protestiert eine Minderheit heftig gegen die Invasion.

Nun zieht nichts in der Welt nur Böses nach sich. Der israelische Einmarsch in den Libanon könnte denn auch zwei positive Folgen haben, die Begin weder vorausgesehen hat noch wünscht. Die erste wäre die Einsicht der PLO, daß sie den militärischen Kampf, mit Terror gegen Israel, aufgeben muß, weil er keine Erfolgsaussicht bietet, und durch die Bildung einer Exilregierung den Kampf auf die rein politische Ebene konzentriert. Die zweite wäre, daß sich zwischen Amerika und Israel ein tiefer Meinungsunterschied entwickelt, der eine Neuorientierung der US-Nahostpolitik bewirkt. Eine solche Neuorientierung müßte zum Sturz Begins und zu einer Änderung der israelischen Politik führen, da die Israelis trotz allem Eigensinn und aller Einbildung klug genug sind zu begreifen, daß sie ohne Rückhalt bei den Vereinigten Staaten keine Chance haben, mit ihrer Politik der Herausforderung durchzukommen.

Die langfristigen Folgen des Libanon-Unternehmens könnten noch wichtiger werden. Dieser Krieg ist ein Wendepunkt in der Geschichte des jüdischen Volkes. Er rührt an den Kern einer Frage, die seit Jahrhunderten die Welt beschäftigt: der sogenannten Judenfrage, der Frage nach dem Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden.