Von Michael Friedrich

Jeden zweiten Mittwoch treffen sich im evangelischen Industrie- und Sozialpfarramt am Gelsenkirchener Hauptmarkt fünfzehn meist ältere Frauen und Männer zum Kaffee. Die Diskussion ist lebhaft, manchmal wird es laut. Ein 48jähriger will etwas sagen, kommt aber nicht durch. Am anderen Ende des riesigen Konferenztisches ruft jemand „Ruhe“ und augenblicklich wird es mucksmäuschenstill. „Wenn mir ein Diplompsychologe sagt“, fährt der 48jährige fort, „daß ich so ein Rollenspiel bringen soll, und ich muß ins Kaufhaus gehen, um hundert Gramm Leberwurst zu holen, da frage ich mich doch, wo ich bin!“

Er hat eine „41a-Maßnahme“ mitgemacht, einer der im Arbeitsförderungsgesetz vorgesehenen Kurse, die Arbeitslose wieder für das Berufsleben fit machen sollen. Auch die anderen vom „Arbeitslosentreff Gelsenkirchen“ berichten nun von schlechten Erfahrungen mit Fortbildungs- und Umschulungsmaßnahmen: Keiner hat durch sie eine neue Stelle bekommen.

Dies ist eine von 16 kirchlichen Initiativen in Nordrhein-Westfalen. Insgesamt soll es im Bundesgebiet 100 bis 300 solcher Gruppen geben. Sie helfen Arbeitslosen aus der Isolation heraus und erleichtern ihnen den Umgang mit Behörden. „Bin ich mit dem Schriftlichen etwas hintendran, dann wird das hier erledigt“, begründet eine Teilnehmerin ihr Interesse am Gelsenkirchener Treff. Die Diskussion wechselt zwischen Alltagssorgen und hoher Politik.

In Schwerte-Villigst veranstaltet das Sozialamt der evangelischen Kirche von Westfalen regelmäßig Gesprächswochen für Arbeitslose. Jürgen Espenhorst, der als Volkswirt und Angestellter der Kirche über die Zukunft der Arbeit nachdenkt, stellt jedesmal die Frage nach möglichen Bündnispartnern zur Diskussion. Obwohl die Initiativen immer andere Vertreter zu den Seminaren schicken, ist die einhellige Meinung auf allen Treffen: Es müßten die Gewerkschaften sein. Bei denen rührt sich aber bisher nichts.

Gegen die Gleichgültigkeit und den Widerstand der Etablierten haben in Bremen Arbeitslose eine Interessenvertretung aufgebaut, die mittlerweile Behördenleiter, Sachbearbeiter und Politiker das Fürchten lehrt. Respekt hat sich die „Aktionsgemeinschaft arbeitsloser Bürger“, AGAB, die mit dreihundert Mitgliedern zu den größten Initiativen gehört, vor Gericht verschafft. Im März 1981 beantragte der Verein zwei Stellen für Pädagogen, die das Arbeitsamt als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme finanzieren sollte. Gewerkschafts- und Unternehmervertreter in den Selbstverwaltungsgremien lehnten das Vorhaben einmütig ab. Es sei schließlich Aufgabe des Arbeitsamtes, die Arbeitslosen zu beraten, so stand im Bescheid zu lesen, dafür bedürfe es nicht einer Initiative. Das Bremer Sozialgericht jedoch verpaßte dem Arbeitsamt eine schallende Ohrfeige. Neben dem Recht auf die Stellen attestierte es der Initiative kontinuierliche Arbeit im Interesse der Betroffenen, die die Ämter nicht leisteten. Die Finanzierung des Arbeitslosenzentrums an der Grenzstraße hat der Senat übernommen. „Da kommen Leute mit einer Plastiktüte voll unbezahlter Rechnungen und Mahnungen“, schildert Janni Hentrich die Situation, „denn das Arbeitsamt braucht mittlerweile drei Monate, bis es das erste Geld auszahlt.“ Janni Hentrich, die durch das Urteil des Sozialgerichts zum Profi in Sachen Arbeitslosigkeit geworden ist, erklärt dann, wie beim Sozialamt Vorschüsse für Wohnen, Kleidung und Lebensmittel zu bekommen sind. Zur Not geht sie selber mit aufs Amt. „Wenn Arbeitslose sagen ‚Das kommt von der AGAB‘, dann geht das schon etwas schneller“, so die Erfahrung einer Initiative, die, wenn sie grobes Unrecht aufgespürt hat, auch regelrechte Kampagnen startet.

Während in den Betrieben Gewerkschaften und Betriebsräte auf die Einhaltung von Gesetzen und Tarifverträgen achten, bleibt Kollege Arbeitsloser sich selbst überlassen. Um eine Kündigung zu verhindern, geht eine Gewerkschaft notfalls bis zum Bundesarbeitsgericht, danach helfen dem Entlassenen höchstens Sozialarbeiter oder eben eine AGAB. Der Bremer DGB-Vorsitzende Erwin Schmidt erklärte entschuldigend: „Wir sind immer davon ausgegangen, daß die Arbeitslosigkeit eine vorübergehende Erscheinung ist.“