Von Ralf Dahrendorf

Liebe Frau Raabe, die ZEIT hat mir Ihren Hilferuf zugeschickt. Meine erste Reaktion ist natürlich eine der Sympathie, des Verständnisses für Ihre mißliche Lage, des Reaktion daß Sie eine Tätigkeit finden, die Ihnen Befriedigung verschafft.

Meine zweite Reaktion aber ist viel komplizierten. Sie besteht aus einer Reihe von Erwägungen, bei denen ich nur hoffen kann, daß Sie sie mit Aufmerksamkeit und Wohlwollen aufnehmen.

Da ist erstens ein auffälliger Aspekt Ihrer Überlegung. Sie sehen in der Soziologie den Anlaß zur Kritik der Gesellschaft, vielleicht sogar das Motiv für direkte Aktion. („Die stattgefundenen Aktivitäten gegen Sachen- und Menschenzwang“ sind weder gutes Deutsch noch Zeichen eines sonderlichen Verständnisses; aber lassen wir das beiseite.) Zugleich aber sind Sie der Meinung, daß diese Gesellschaft Ihnen etwas schuldet, nämlich Arbeit. Wenn Sie schon nicht Hochschullehrerin werden können, dann sollte entweder eine andere Position auf Sie warten oder die Ausbildung von Soziologen „umgestellt“ (abgeschafft?) werden. Warum eigentlich? Kann eine kaufmännische Angestellte oder eine Sozialarbeiterin oder eine Tontechnikerin beim Rundfunk oder die Ausbildungsleiterin einer Firma nicht kritisch denken? Gibt es wirklich eine Expertise für das, was Sie in der Soziologie gesucht und offenkundig gefunden haben? warum um alles in der Welt folgt aus dem Soziologie-Studieren, daß man Soziologe wird? Ich finde, Sie sollten Ihre Soziologie zum Hobby erklären und auf die Suche nach einer Stellung dort gehen, wo Sie etwas Sinnvolles beitragen können.

Das werden Sie nicht gern hören. So lassen Sie mich zweitens etwas wiederholen, was ich seit dem Anfang meiner soziologischen Lehrtätigkeit – vor einem Vierteljahrhundert in Hamburg, allerdings eben nicht an der Universität, sondern an der damaligen Akademie für Gemeinwirtschaft, also im „Zweiten Bildungsweg“ – geglaubt und vertreten habe: Soziologie ist kein Fach für Studienanfänger. Es ist entweder Teil eines spezielleren Studiums, etwa der Volkswirtschaft, der Jurisprudenz, ja der Medizin, oder aber es ist ein Graduiertenstudium. Sie haben also Recht, wenn Sie durchblicken lassen, daß an der Ausbildung etwas nicht stimmt. Es war immer falsch, den Grad eines Diplomsoziologen zu schaffen, und dies bleibt falsch.

Nun ist es mir natürlich nicht unbekannt, dies Soziologie als Beruf seit langem existiert. Es gibt Meinungs- und Marktforscher, Stadtsoziologen in Stadtverwaltungen, Medizinsoziologen in Krankenhäusern, politische Soziologen als Assistenten von Bundestagsabgeordneten und manche anderen mehr. Das ist schön und gut. Es ändert indes nichts an meiner Überzeugung, daß das Fach selber entweder Ergänzungs- oder Forschungsfach ist. Da hat man Sie irregeleitet.

„Das Fach selber“: die Wörter kommen mir schwer über die Lippen. Denn drittens ist wohl doch ein Wort nötig zu Ihrer Frage der „soziologischen Sichtweise (was genau das auch immer sei!). Das Thema ist, wie Sie wissen, so alt wie die Soziologie. Hier ist nicht der Ort, die Geschichte der Lehrmeinungen zu diesem Thema zu erzählen. Eher bin ich versucht aufzuzählen, was die Soziologie nicht ist. Sie ist zum Beispiel keine Anweisung zum Handeln, sei es zur Hausbesetzung oder zur Regierungsberatung. Übrigens ist keine Wissenschaft eine solche Anweisung, wenngleich manche alte Hochschuldisziplinen – wie Medizin und Jurisprudenz – solche Anweisungen lehren. Die Soziologie ist auch keine Spezialdisziplin wie die politische Wissenschaft oder die Wirtschaftswissenschaft. Ihr Gegenstand entzieht sich solcher Definition. Gerade in diesen Tatsachen liegen einige der Gründe, aus denen die Soziologie sich nicht für Studienanfänger eignet.