„Familie Rezeau“, Romantrilogie von Hervé Bazin. Folcoche (Wildsau) wird die sadistische Mutter in dieser zynischen Saga einer dekadenten Großbürgerfamilie aus dem Anjou von ihren drei Söhnen genannt, die sich wie Leibeigene gehalten fühlen. Doch nur einer begehrt auf; er durchschaut die frühzeitige Abstumpfung durch seinen sozial und moralisch verrotteten Clan als infamen Anpassungsdrill. Der 1911 geborene Autor glaubte, sich mit diesem von Haß, hysterischen Rachezwängen und masochistischer Hilflosigkeit diktierten Buch reichlich spät (1947-1972) aus dem Würgegriff seiner bigott-reaktionären Provinzkaste lösen zu können; doch erreichte er nicht mehr, als die lebenszähe Mutterfigur in einen Spiegel einzuschließen. Daß frühe Demütigungen durch forcierten Antikonformismus nicht zur Befreiung fuhren, daß der Individualismus solcher Revolte fiktiv bleiben muß, hat der allzusehr auf sein traumatisiertes Ich fixierte Präsident der „Académie Goncourt“ und Leninpreisträger Bazin sowohl in seinen späteren Romanen („Au nom du fils“) wie mit seiner verquer kultivierten Existenz eines bourgeois arriviste bewiesen, als er den angeblich psychisch so belastenden Sitz der Familie Rezeau/Bazin zurückkaufte. (Aus dem Französischen von Johannes Hübner und Elisabeth Eichholtz; Verlag Steinhausen, München, 1981; 633 S., 36,– DM.) Ute Stempel

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„Leukippe und Kleitophon“,von Achilleus Tatios. Was wir den antiken „Roman“ nennen, gehört rechtens in Anführungszeichen: Die wenigen uns erhaltenen Prosa-Erzählungen aus den späteren Jahrhunderten der Alten Welt haben und hatten einen anderen Stellenwert als die großen Romane der Neuzeit. Doch haben sie die Entwicklung der Gattung angeregt und nicht unerheblich beeinflußt. Das gilt nicht nur von den berühmteren wie Heliodor, Petron, Apuleius, sondern auch von dem nun (nach 180 Jahren!) neu übertragenen Werk von Achilleus Tatios; „Leukippe und Kleitophon.“ In ihm ist die Mischung beider Tendenzen jener frühen Form am weitesten vorangetrieben: Ernst idealistische Partien konstrastieren mit mehr pikaresken Passagen, entsprechend wechseln rhetorische Überhöhung und eher alltägliche Rede. Die neue deutsche Ausgabe bietet in einer umfänglichen Einleitung neben Hinweisen auf Autor und Werk auch die wichtigen Daten zur Wirkungsgeschichte, die mit Lope de Vega und Corneille, mit Tasso und Shakespeare mehr Sterne erster Größe aufweist als erwartet; sie bietet ferner fast 200 Kommentierungen zu Einzelheiten, die dem Leser heute weniger bekannt sind als dem Publikum im Imperium Romanum. Wer sich an Gattentreue erbauen will, kann das reichlich tun; wer eher Ehebruch goutiert, kommt auch auf seine Kosten; und wer über Vorzüge und Nachteile des homo- und des heterosexuellen Genusses zu meditieren wünscht, findet eine skurril systematische Erörterung. (Übersetzt, eingeleitet und erläutert von Karl Plepelits; Hiersemann Verlag, Stuttgart, 1981; 280 S., 138,– DM.)

Bernhard Kytzler