Ein Forscherstab in Oxford verhilft uns durch das Resultat 14jähriger Arbeit zu Einkehr und Verwirrung. Die Damen und Herren haben sorgsam alles gezählt, was irgendwie mit Religion zu tun hat, und breiten jetzt das Zahlenwerk auf 1010 Seiten der „World Christian Encyclopedia“ aus.

Dort lesen wir, daß heute exakt ein Drittel der Menschheit – 1,4 Milliarden – Christen sind; daß das Christentum in diesem Jahrhundert zwar im Westen an Einfluß verlor, aber sonst zur wichtigsten Universalreligion wurde. Dabei muß es zuweilen stürmisch hergegangen sein. Nehmen wir den volkreichsten Staat Scnwarzafrikas, Nigeria. Zur Jahrhundertwende hingen noch 73 Prozent der Einheimischen ihren angestammten Kulten an, 26 Prozent waren Moslems. 80 Jahre später nennen sich 49 Prozent der Nigerianer Christen, 45 Prozent Moslems. Exzellent im Rennen liegt nach wie vor auch Mohammeds Anhang. Mit 723 Millionen (16,5 Prozent) hält er Platz 2 der Weltrangliste bei weiter stark anziehendem Kurs. Hinduismus (583 Millionen) und Buddhismus (274 Millionen) folgen auf den Plätzen. Nur 0,4 Prozent der Weltbevölkerung bekennen sich zum Judentum, getreu der altväterlichen Maxime: Qualität vor Quantität.

Eigentlich sollten sich Christen in gedämpfter Demut über Platz 1 auf der Weltreligionsliste freuen. Lästigerweise regen sich Erinnerungen an Zeiten und Regionen, wo Christen nicht nur ein Drittel, sondern weit stärkere Mehrheiten auf die Beine brachten, angefangen im 4. Jahrhundert, als sie von Kaiser Konstantin mit Pomp und Gloria aus den Katakomben geholt und in die Herrenlogen komplimentiert wurden.

Als ob Verfolgte stets am besten lernen, wie man später andere verfolgt, litten künftig die Nicht-Christen unter den Jüngern Jesu. Gewissenfreiheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde forderten sie meist erst dann, wenn sie selbst diese Grundrechte entbehren mußten. Dann freilich tat jeder Despot gut daran, mit seinen christlichen Untertanen zu rechnen.

Auch als Anwälte anderer unterdrückter Minderheiten leisteten Christen stets ebenso Erstaunliches wie als Unterdrücker. In der Oxforder Encyclopedia ist diese ambivalente Begabung wiederzuerkennen: Nur die christlichen Kirchen beispielsweise leisten Widerstand gegen die anhaltende Repression in Südkorea. Infolgedessen stieg die Zahl der Christen in diesem fernöstlichen Land auf ungeahnte Höhen, während traditionelle Missionsbemühungen in Ostasien sonst nicht über Achtungserfolge hinauskommen.

Davon abgesehen und ohne nachtragend zu sein – in Massen waren und sind Christen und ihre Institutionen oft eher zum Fürchten untereinander und für andere.

Jetzt, in einigem Abstand zu den ausgekühlten Scheiterhaufen, soll eines gerechten Urteils wegen auch die Dialektik der Geschichte gerühmt werden. Daß überhaupt so etwas wie ein moderner,’ säkularer Staat entstanden ist, verdanken wir direkt dem abstoßenden Treiben jener Frommen, die unter Berufung auf den Allerhöchsten das christliche Abendland mit ihren endlosen Glaubenskriegen ruinierten. Da dämmerte es, daß etwas weniger Theologie der Menschlichkeit nicht schaden könnte.