Momentaufnahmen aus einem Jahrtausend

Von Helmut Schneider

Während der Sommermonate hat in Österreich auch die Kultur Saison. Es gibt große und kleine Festivals, Freilichtaufführungen, Konzerte in historischer Umgebung, und es gibt Ausstellungen, bescheidenere und anspruchsvolle, die auf Grund attraktiver Themen mit vielen Besuchern rechnen können. Diese Landesausstellungen, Veranstaltungen also, die vom jeweiligen Bundesland finanziert werden, sind so etwas wie eine österreichische Spezialität, kulturelle Entsprechung zu den vielgerühmten Mehlspeisen. Ausgestattet mit einem Etat, der es erlaubt, wichtige Leihgaben aus aller Welt heranzuholen, stellen solche Ausstellungen den durchaus gelungenen Versuch dar, die kulturelle Repräsentation eines Landes mit der Fremdenverkenrswerbung unter einen Hut zu bringen.

Auf einer kleinen Kunstreise, die von Salzburg ("St. Peter in Salzburg") nach Enns ("Severin – zwischen Römerzeit und Völkerwanderung") führt und weiter donauabwärts auf die Schallaburg bei Melk ("Matthias Corvinus und die Renaissance in Ungarn") und nach Krems-Stein ("800 Jahre Franz von Assisi"), kann man miteinander konkurrierende Landesausstellungen besichtigen.

Nicht alle sind gleich gut gelungen, einigermaßen mißlungen ist lediglich die Salzburger. Hier hat man sich offensichtlich zuviel vorgenommen, nämlich die Darstellung der Geschichte des "ältesten Klosters im deutschen Sprachraum", das nach der Haustradition der Erzabtei St. Peter seit nun genau eintausendvierhundert Jahren besteht. Zwar hatte Jean Mabillon, ein gelehrter Benediktiner (und Begründer der modernen Urkundenlehre), schon im 17. Jahrhundert herausgefunden, daß der heilige Rupert erst im Jahr 696 nach Salzburg gekommen war, er folglich das Peterskloster nicht im Jahre 582 gründen konnte; doch für den – so oder so altehrwürdigen – Jubilar bleibt eben das falsche Datum das richtige, ergo wird heuer gefeiert Mit einer Ausstellung, die einer Form der Präsentation verpflichtet ist, deren Vorbild wohl in der Mineraliensammlung zu finden ist, die in einem Klostergang aufgestellt ist. Wie dort in Schaukästen ein Mineral neben dem anderen liegt, für den Nichtmineralogen lauter schöne Einzelstücke, die er einander nicht zuordnen kann, so reiht die Ausstellung Dokument an Dokument in einer Weise, die historisches Geschehen nicht lebendig macht.

Severin und Franz von Assisi

Der Bau von St. Peter ruht auf römischen Fundamenten, spätere Epochen haben umgebaut, weitergebaut – warum führt man nicht in anschaulichen Modellen vor, wie die Architektur im Laufe der Jahrhunderte ihre heutige Gestalt erhalten hat? In karolingischer und ottonischer Zeit hat das Kloster bedeutende Werke der Buchkunst hervorgebracht, eine Anzahl dieser Kodizes sind nun wieder am Ursprungsort versammelt – wie sind diese illuminierten Handschriften entstanden, wie funktionierte ein mittelalterliches Skriptorium? Johann von Staupitz, der frühere Vorgesetzte Luthers und dessen Freund, war von 1522 bis 1524 Abt von St. Peter: eine außergewöhnliche Konstellation, an der man die durch die Reformation ausgelöste Krise der Christenheit hätte aufzeigen können – die Ausstellung begnügt sich mit der Vorführung einiger Archivalien ...