Von Benedikt Erenz

Dichter, deutsche zumal, haben die Neigung, entweder im Elfenbeinturm zu bleiben oder auf die Straße zu gehen. Ganz selten nur, daß einer es wagt, die Straße in seinen Elfenbeinturm zu holen. Goethe scheint einmal einen schüchternen Versuch dieser Art unternommen zu haben. Unter einen Stich seines Hauses am Weimarer Frauenplan, auf dem auch einige vorbeischlendernde Passanten mit abgebildet sind, schrieb er eigenhändig: "Warum stehen sie davor? / Ist nicht die Thüre da und Thor? / Kämen sie getrost herein / Würden wohl empfangen seyn." Ob die Angesprochenen allerdings die Einladung je zu Gesicht bekamen, ist fraglich. In einer Zeitung jedenfalls wurde sie meines Wissens nie kundgetan.

Walter Kempowski, Dichter und Chronist, der Autor von "Tadelloser & Wolff" und Herausgeber entlarvender Dokumentationen, wie "Haben Sie Hitler gesehen?", geht da neue Wege. In einer ZEIT- Annonce lud er zu einem "Literaturseminar" bei sich ein. Da konnte tatsächlich kommen, wer wollte – vorausgesetzt, er hatte 250 Mark übrig und noch etwas für die Übernachtung beim Bauern.

Nach Nartum war geladen – das liegt ein bißchen außerhalb von Bremen, inmitten wüstengelber Kornfelder, unter der sengenden Sonne Nordniedersachsens. Ein Kleinstdorf, an die fünfhundert Einwohner, alte Bauernhäuser aus Backstein, Eichenhain und Kriegerdenkmal als Kern, drumherum ein Kranz Bausparkassenbungalows, und ganz am Ende der Straße, fast schon "draußen", das letzte Haus, das Haus "Kreienhoop" des Walter Kempowski.

Es ist ein geräumiges Haus mit mehreren Anbauten, von einem maßlosen, sanft verwilderten Garten umgeben. Im Gras ein Schaf, Clara, und die rund dreißig Gäste, am ersten Tag um und durchs Haus streunend: Studenten, Techniker, Sekretärinnen, eine Sängerin, Psychologen, ein Gefängnisleiter, ein junger Dichter, eine Abiturientin mit sehr dunkelbraunen Augen.

Aus dem kleinen Innenhof des Anwesens, wo dem steinernen Löwenkopf an der Wand tröpfelnd Wasser in ein kleines Becken entrinnt und so an spanisch-maurische Alhambren erinnert, ertönt der Klang einer Glocke. Die Gesellschaft versammelt sich zur ersten Runde in der weiten, allerdings etwas niedrigen Halle. Roter Kachelboden, Balkendecke, langes Panoramafenster: unter den regungslosen Linien der Felder mehrere Reihen Konversationslexika, teils noch im Schuber; Erscheinen des Meisters.

Luftig-weiß gekleidet, mit Rostock-Charme und diskreter Ironie erläutert er das Programm. Fünf Tage – das solle ja kein Dichterkursus werden, ein paar Übungen zur Konzentration, ein kleiner Blick in sein umfangreiches Werk für Interessierte und viel Gespräch. Der erste Tag sei ohnehin stets frustrierend, da niemand niemanden kenne, und überhaupt sei dieses kleine Seminar nur als Anfang gedacht. Zu trinken gebe es Kaffee, Bier, Rotwein, fünfzig Pfennig der Becher, die Benutzung der Bibliothek (Erstausgaben!) sei frei. Auch dürfe der Gast überall hinein und alles anfassen, Kater Joseph aber bitte nicht als Stofftier betrachten. Die Tochter ist anwesend, der Sohn beim Militär, die Gattin in den inneren Gemächern. Tatsachlich, so stellt der Literaturreisende fest, die für Dichterhäuser und Gedenkräume typische, neugierbremsende rote Kordel quer durchs Zimmer fehlt.