Von Marcin Turski

Warschau, im August

In Polen herrscht eine trügerische Ruhe. Neun Monate nach dem Militärputsch normalisiert sich das äußere Bild – aber die innere Situation des Landes bleibt explosiv. „Die große Krise steht erst bevor“, heißt es in einer Denkschrift aus dem Untergrund. Diese Prognose gilt zwar vor allem der wirtschaftlichen Lage, aber sie läßt sich auch auf die politische Sphäre anwenden.

Die Sorgen sind berechtigt. In der zweiten Augusthälfte ziehen sich die Jahrestage zusammen, die kein Pole vergessen kann. Am 13. August läuft der neunte Monat des Kriegszustands ab – lokale Protestaktionen sind nicht auszuschließen. Am 14. August vor zwei Jahren begann der große Streik in der Danziger Lenin-Werft – für die Arbeiter an der Ostseeküste wird das sicherlich ein Grund sein, sich an dem Denkmal für die 1970 ermordeten Kollegen zu versammeln und Blumen niederzulegen. Am 31. August unterzeichneten Gewerkschaftsführer Walesa und die Regierungsvertreter das Danziger Abkommen, das die Solidarność legalisierte. Ein Berater der inzwischen suspendierten Gewerkschaft sagt, nicht ohne Sarkasmus: Jeden zweiten Tag gibt es jetzt einen Anlaß, den Nationalaufstand auszurufen.

Bisher konnten die im Untergrund handelnden Gewerkschaftsführer alle größeren Protestaktionen verhindern. Niemand weiß aber, ob sie es noch weiter tun können, ohne ihren Einfluß und ihre Autorität aufs Spiel zu setzen. Der Druck von unten, dem sie ausgesetzt sind, wächst weiter.

So paradox es auch klingen mag: Eine der wichtigsten Ursachen der neuen Spannungen sind die Regierungs-Entscheidungen vom Juli, die den Kriegszustand abmilderten, aber nicht auftoben. Sie haben zwar die Position von Staats- und Parteichef Jaruzelski gestärkt – aber sie brachten die Opposition in eine fast ausweglose Lage. Die Chancen auf einen politischen Kompromiß wurden verringert.

Gemessen an den Erwartungen und Hoffnungen fiel die Lockerung des Kriegsrechts enttäuschend aus. Statt des großen Umbruchs kam eine Geste, die hauptsächlich auf Besänftigung der Öffentlichkeit zielte. Damit war aber das „optimistische Szenario“ gescheitert, das zuvor wochenlang in offiziellen und inoffiziellen Kreisen diskutiert wurde. Der Nationalfeiertag am 22. Juli sollte – diesem Szenario zufolge – für die Regierung der Anlaß sein, den nationalen Dialog wieder aufzunehmen. Alle Internierten, einschließlich Lech Walesas, sollten – so die Hoffnungen – freigelassen und die politischen Häftlinge amnestiert werden. Viele Polen setzten auf die Wiederzulassung der Solidarność, wenn auch in neuer Organisationsform und mit präziser formulierten Aufgaben. Die nationale Versöhnung würde anschließend so glaubte man – durch den Papstbesuch besiegelt werden.