Von Heinz Blüthmann

Der neue Superstar ist nicht in Hollywoods Traumfabrik geboren: Er küßt keine Blondinen und ward nie auf einem Pferderücken gesehen, stammt nicht von einem fernen Planeten und kann nicht einmal schießen. Dennoch läßt er die Kassen lauter klingeln als Marlon Brando und Sylvester ("Rocky") Stallone zusammen.

Frischgebackener Liebling von Millionen ist ein kleiner gelber Vielfraß, der unersättlichen Appetit auf Waffeln hat und Angst vor Gespenstern: Pac-Man heißt der Held einer neuen Art, die direkt aus dem Computer kommt. Fans können ihren Star bei seiner nervenkitzelnden Freß-Jagd durchs Labyrinth, ständig flüchtend vor den Gespenstern Blinky, Pinky, Winky und Clyde, selbst steuern – auf dem heimischen TV-Schirm. Denn Pac-Man ist ein Videospiel. Aber nicht irgendeins: Pac-Man ist das Erfolgreichste, was die noch junge – aber doch schon profitverwöhnte – Branche bislang herausbrachte.

Selbst eine Goldmine wirkt armselig dagegen: Das Heim-Videospiel Pac-Man, erst seit März in USA auf dem Markt, wird seinen Produzenten allein in den zehn Monaten bis Dezember die satte Summe von einer drittel Milliarde Mark einbringen – als Reingewinn. Der Volkswagenkonzern verdient im ganzen Jahr nicht einmal halb soviel.

Pac-Man markiert den bisherigen Höhepunkt einer beispiellos gewachsenen Industrie, die erst vor einem Jahrzehnt – und noch dazu mit vielen Fehlschlägen – begann. "Jetzt", befand das US-Nachrichtenmagazin Newsweek "boomen Videospiele in einer Fünf-Milliarden-Dollar-Besessenheit, die mehr Gewinn verspricht als Filme und Schallplatten".

Die Pac-Mania brach in den Vereinigten Staaten so heftig aus, daß die Einzelhändler schon wenige Wochen nach Einführung ausverkauft waren. Trifft der langersehnte Nachschub vom Hersteller endlich ein, machen Kaufhäuser wie Woolworth in San Francisco gleich an der Eingangstür darauf aufmerksam. "Ja, wir haben Pac-Man prangt es da auf großen Schildern.

Hunderte von Fan-Clubs schossen aus dem Boden, der Buchtitel "Wie meistere ich Pac-Man" wurde ein Bestseller, und natürlich kam auch ein Pac-Man-Song auf den Markt. Auch die Bundesrepublik ist bereits infiziert. Seit Mai erst wird die Pac-Man-Kassette für 139 Mark im Handel angeboten, vergangenen Samstag drängten sich in der Spitalerstraße in Hamburg die Fans schon bei der ersten deutschen Pac-Man-Meisterschaft. Die Sieger dürfen im September an den Welt-Wettkämpfen in Monte Carlo teilnehmen.