Im Kino: "Vermißt"

Von Ulrich Greiner

Der neue Film "Vermißt" von Costa-Gavras ist das, was man einen Polit-Thriller nennt. Darunter versteht man Filme, die einerseits effektsicher auf Spannung hin kalkuliert sind, deren Story sich andererseits auf ein wirkliches politisches Ereignis bezieht. Der Polit-Thriller lockt sein Publikum mit einem doppelten Versprechen: erstens mit einem ästhetischen Reiz ("Thriller"), zweitens mit Authentizität ("Politik"). Er tut dabei einigermaßen naiv so, als ließe sich beides prozweitens miteinander verbinden, als ließe sich die politische Wahrheit einer Geschichte ohne weiteres in die ästhetische Wahrheit eines Films überführen. Er vergißt, daß Geschichte jeder Film, der auf eine Leinwand projiziert wird, Fiktion ist, auch dann, wenn die Geschichte, die erzählt wird, auf Fakten beruht. Wir glauben einem Film, wenn seine Fiktion glaubhaft ist, und nicht, weil seine Fakten glaubhaft sind.

Die Fakten, von denen Costa-Gavras in "Vermißt" berichtet, sind nicht nur glaubhaft, sie sind auch weithin bekannte und ihr Neuigkeitswert ist gering. 1973 wurde der chilenische Staatspräsident Allende ermordet, und eine rechtsgerichtete Militärjunta übernahm nach blutigen Kämpfen die Macht. Dieser Putsch geschah, wie inzwischen fast jeder weiß, auf Veranlassung und mit Hilfe der Vereinigten Staaten, die ihre wirtschaftlichen Interessen durch Allendes Reformpläne gefährdet sahen.

Das ist der politische Hintergrund, auf den sich der Film beruft. Die Geschichte, die er erzählt, folgt eng der Geschichte des etwa dreißigjährigen Journalisten Charles Horman, der mit seiner Frau in Chile lebte und durch Zufall Kenntnis von der amerikanischen Unterstützung der Putschisten erhielt. Deshalb wurde Charles Horman umgebracht, mit großer Wahrscheinlichkeit auf Betreiben des amerikanischen Geheimdienstes CIA.

Der griechische Filmregisseur Constantin Costa-Gavras, der vor allem durch seine Filme "Z" (1968) und "Das Geständnis" (1970) bekannt geworden ist, hat diesen Fall, über den in Amerika seinerzeit ein Buch erschien, nachrecherchiert und zum Gegenstand seines Films gemacht. In "Z" schilderte er die Ermordung des linken Abgeordneten Lambrakis und also die Vorgeschichte des Putsches der griechischen Obristen. In seinem Film "Das Geständnis" erzählte er ein Kapitel aus der stalinistischen Phase der ČSSR. Ebenso wie in diesen Filmen beruft sich Costa-Gavras auch in seinem neuen Film auf die Authentizität der Geschichte. Er nimmt also eine Art Wahrheitsbonus in Anspruch.