Von Heidi Dürr

Anfang Februar dieses Jahres feierte die sächsische Kleinstadt Meißen den 300. Geburtstag von Johann Friedrich Böttger, der sozialistischen Vorstellungen vom Menschen kaum genügt hätte. Die Festreden freilich galten nicht dem unbeherrschten und zeitweise depressiven Trinker, der mehr als ein Drittel seines nur 37jährigen Lebens in Haft verbrachte, sondern dem Genie: dem Erfinder des europäischen Porzellans und Leiter der ersten Porzellan-Manufaktur dieses Kontinents in Meißen.

Ihm verdankt Europa eine wirtschaftliche wie kulturelle Leistung ersten Ranges, Meißen seine Weltberühmtheit und die auf Devisen erpichte DDR einen ihrer ertragreichsten Export-Betriebe. Der seit 1710 bestehenden Manufaktur ist es nicht nur gelungen, die meisten der zahlreichen Nachfolge-Gründungen des 18. Jahrhunderts zu überleben, sondern dank der „Vielfalt der Produktion und der Top-Qualität“ (so der Düsseldorfer Porzellan-Fachhändler Hermann Franzen) auch die Nr. 1 auf dem Weltmarkt zu bleiben. Noch heute gelten Meißen und seine Schwerter-Marke als Synonym für handgeformtes und handbemaltes Spitzen-Porzellan.

Über den Absatz brauchten sich die Sachsen deshalb bislang keine Sorgen zu machen. Bisher überstieg die Nachfrage noch stets die mit rund 1400 Mitarbeitern erstellte Produktion. Obwohl die Manufaktur den größten Teil ihrer Geschirre und Figuren exportiert und die meisten DDR-Bewohner Meißen nur noch als Stadt kennen, mußten sich die Händler im Westen mit dem begnügen, was die Meißner ihnen orientiert an den Abnahmemengen des Vorjahres – zuteilten, Und dabei konnte es sich der volkseigene Betrieb auch noch leisten, die Preise um durchschnittlich zehn Prozent pro Jahr zu erhöhen.

Diese Situation könnte sich allerdings bald ändern. Im Hauptabnehmer-Land Bundesrepublik jedenfalls stagniert der Verkauf von Manufaktur-Porzellanen. Daß der bundesdeutsche Markt erstmals Einbußen verzeichnet, haben sich die sächsischen Verkaufsstrategen zum Teil selber zuzuschreiben. In dem Bestreben, neue Käuferkreise zu erschließen, lieferten sie in andere Länder wie Frankreich und Österreich wesentlich billiger, wohl nicht bedenkend, daß Bundesbürger die Grenzen oft überschreiten.

Dieser Handelspolitik haben es die Meißner ebenfalls zu verdanken, daß die blauen Schwerter nun auch da vertreten sind, wo sie gar nicht sein sollten – in Warenhäusern. So bietet Karstadt seit zwei Jahren in sechs seiner Filialen ständig Meißen an. Das Sortiment enthält vor allem Geschirre in jenem beliebten „Zwiebelmuster“, das in Meißen seit 1739 nach einem mißverstandenen chinesischen Vorbild (man hielt die Pfirsiche und Granatäpfel des Randdekors für Zwiebeln) produziert wird.