Den großen, einordnenden Zugriff auf diese Person der Zeitgeschichte mögen andere versuchen. Mir ist Georg Picht noch zu gegenwärtig. Ich sehe ihn vor mir, an einem jener Wochenenden in Heidelberg, wo er in der Forschungsstätte der evangelischen Studiengemeinschaft gelegentlich Journalisten und Experten aus den verschiedensten Fachgebieten um sich versammelte, um mit geduldiger Penetranz das zu erörtern, was er „die realen Bedingungen menschlicher Vernunft“ genannt hat. Daß diese nüchterne, genaue Beschäftigung mit ökonomischen Daten, Waffenentwicklungen, Klimaveränderungen etwas mit Philosophie zu schaffen haben sollte, ist uns erst allmählich klargeworden.

Natürlich waren wir beeindruckt (und zuweilen auch bedrückt) von der Breite der Pichtschen Erfahrung, in der Platon und Kant ebenso lebendig waren wie die Ergebnisse moderner Wissenschaft. Natürlich faszinierte uns die freundliche Unerbittlichkeit, mit der er die zerstörerischen Möglichkeiten von Wissenschaft und Technik, die das Böse aus dem Blickfeld verloren hatten, zu Ende dachte.

Aber mehr noch vermochte Picht, der Zuhörer und Frager, aus flotten und ungenauen Redereien der Journalisten, aus konferenzglatten Statements der Experten das herauszuhören, was in seiner Wiedergabe plötzlich wie notwendige Erkenntnis erschien. Wahrscheinlich wußte keiner von uns so recht, was ein sokratischer Dialog ist, aber manchmal hatten wir das Gefühl, so könnte es gewesen sein. Ob Picht in seinen geliebten Platon zu viel Politik hineindachte („bei ihm ist alles, was Menschen überhaupt denken, politisch“) oder ob nur eine heruntergekommene Vorstellung von Politik und Metaphysik diese Einsicht versperrte – dies bekümmerte uns wenig. Wohl aber verstanden wir die Frage, die ihn in der Nachfolge des griechischen Philosophen umtrieb: „Wie bringt man Vernunft in die Politik?“

Pichts spektakulärster Versuch, Vernunft in die Politik zu bringen, wird ihm noch nach seinem Tod hämisch vorgehalten: Seine Warnung vor der Bildungskatastrophe (1964) habe genau das herbeigeführt, was er verhindern wollte. Wahr ist, daß Picht nicht vorausgesehen hatte, wie sein Reform-Impuls im Medium der Politik verändert werden würde. Nur schmälert dies nicht die Erkenntnis des engagierten Pädagogen, daß Bildung, das wichtigste Volksvermögen, verschleudert wird – damals wie heute.

Zwei Aufgaben formulierte Picht für die Philosophie von heute: eine kritische, die darin besteht, jene Denkweisen zu zerstören, die uns hindern, die Welt zu verstehen und zu erkennen. Von daher rührte sein Widerspruch gegen die Gewohnheiten des kollektiven Bewußtseins und gegen eine Politik, die damit arbeitet. Die andere konstruktiv, oder müßte man eher sagen: abenteuerlich – der Entwurf der Welt von morgen. Von daher stammte seine intensive Beschäftigung mit jenen katastrophenträchtigen Entwicklungen der modernen Zivilisation und sein Versuch, Gegenentwürfe der Vernunft zu leisten, in der Ökologie und in der Friedensforschung. Kein Wunder, daß Picht viele als anstößig empfunden haben, als katastrophensüchtigen Ruhestörer.

Optimist war Picht gewiß nicht, eher schon, im alten Wortsinn, eine pathetische Figur, von der freilich mehr noch zu lernen war als das Verständnis für die düsteren Entwicklungsmöglichkeiten der Geschichte, eines vor allem: Tapferkeit, sich ihnen zu stellen.

Rolf Zundel