Die Feuerpausen, die seit Beginn der israelischen Libanon-Invasion vor zwei Monaten durch Vermittlung des amerikanischen Sonderbotschafters Philip Habib vereinbart wurden, lassen sich gerade noch an den Fingern zweier Hände abzählen. Um die Vorschläge des Amerikaners zur Lösung des Konfliktes zu beziffern, genügen noch die Finger einer Hand. So energisch und bisher auch so vergeblich hat sich in Kriegen oder Krisen in letzter Zeit kaum ein Unterhändler engagiert. In der neunten Woche des israelischen Krieges gegen die palästinensischen Fedajin im belagerten Beirut sah es nicht anders aus.

Während sich das Kabinett in Jerusalem mühsam zu einer prinzipiellen Annahme der jüngsten Kompromißvorschläge Habibs durchrang, ließ Verteidigungsminister Ariel Scharon wieder pausenlos den westlichen Teil der libanesischen Hauptstadt mit Bomben belegen. Während Ministerpräsident Menachem Begin bereit zu sein scheint, unter bestimmten Bedingungen einer friedlichen Beilegung zuzustimmen, setzen einige Minister seines Kabinetts weiter vor allem auf die "militärische Option". Für die Freischärler Arafats wie für die eingeschlossenen, eingeschossenen libanesischen und palästinensischen Zivilisten ging es derweil um Leben oder Tod.

Noch einmal wollten die israelischen "Falken" den PLO-Kämpfern mit erbarmungsloser Härte vor Augen führen, daß ihnen nur die bedingungslose Kapitulation übrigbleibt. Noch einmal demonstrierte auch Begin unter dem Trommelfeuer seiner Armee diplomatische Härte. Seine Botschaft: Entweder werden unsere Forderungen angenommen oder die totale Katastrophe bricht über euch herein.

Dabei hatten Palästinenser und Israelis im Laufe der letzten Wochen gegenüber Habib bereits in einigen Punkten nachgegeben. Erst wollte sich Arafat mit seinen rund 9000 Freischärlern innerhalb eines Monats, nach der Landung einer internationalen Friedenstruppe und nach einem Teilrückzug der israelischen Armee, aus Beirut in Richtung Syrien absetzen; eine politische Präsenz seiner PLO sollte in Beirut erhalten bleiben, ihr Arsenal an schweren Waffen der libanesischen Armee übergeben werden. Erst hatte Begin dem Einsatz der Puffertruppe nach dem völligen Auszug der PLO-Guerillas zugestimmt; "persönliche Waffen" dürften sie mitführen, alles andere müßte den Israelis ausgeliefert werden.

Nun wollen die Palästinenser angeblich noch vor der Landung des Hauptteils der Franzosen, Amerikaner und Italiener (rund 1600 Mann) einen Teil ihrer Kämpfer abziehen und in zwei Wochen den Libanon räumen; nun stimmen die Israelis dem Vorschlag Habibs zu, daß die internationalen Friedenseinheiten den Abmarsch des größeren Restkontingents der Freischärler überwachen.

Aber: Wohin mit ihnen? Und: Wie viele wohin? Ehe Begin den Plan des amerikanischen Unterhändlers unterschreibt, will er eine Namensliste der PLO-Mitglieder in Händen haben, dazu eine Aufstellung der arabischen Aufnahmeländer. Ehe Arafat seine Unterschrift leistet, will er wissen, wie und wohin seine Fedajin abtransportiert werden (mit Schiffen oder mit Bussen, erst nach Syrien und von dort aus in verschiedene Gaststaaten oder gleich in die neuen "Heimatländer").

Für die Israelis ist wichtig, daß ein palästinensisches Täuschungsmanöver verhindert wird und sich die Hauptgruppe der Freischärler nicht unter dem Schutzschirm der internationalen Pufferstreitmacht im libanesischen, von den Syrern besetzten Bekaa-Tal festsetzt. Sie wollen auch sichergehen, daß alle Partisanen Beirut verlassen. Für Arafat ist wichtig, daß nach seiner militärischen Niederlage die politische Existenz seiner Organisation garantiert wird, wie es ihm der ägyptische Präsident Hosni Mubarak zumindest verbal zugesichert hat. Das Kleingedruckte in Verträgen hat noch immer den heftigsten Streit unter den Vertragspartnern verursacht.