Staatspräsident Sandro Pertini: Ein aufrechter Patriarch über den Parteien

Rom, im August

Aus heiterem Himmel schlug die Regierungskrise wie ein Blitz in die Südtiroler Urlaubsidylle des italienischen Staatspräsidenten ein. Fürs dazugehörige Donnergrollen sorgte Sandro Pertini selber. Nach seiner überstürzten Rückkehr in den Quirinalspalast rühmte er das Grödnertal: „Dort oben gab es reine Luft, doch jetzt muß ich mich wieder an das Klima von Rom gewöhnen.“

Gewittrig und von mancherlei Stunk durchzogen war es schon lange. In Ministerpräsident Spadolinis Fünferkoalition schien sich niemand außer ihm selber ganz wohl zu fühlen. Und doch hatte der Regierungschef 13 Monate lang die auseinanderstrebenden Partner immer wieder versöhnt – auch deshalb, weil ihm das Staatsoberhaupt mit unverhohlenen Warnungen vor Krisenspielereien immer wieder den Rücken gestärkt hatte.

Noch am 4. August saßen die Parteichefs von Christdemokraten, Sozialisten, Sozialdemokraten, Republikanern und Liberalen wieder einmal einträchtig am Mittagstisch Spadolinis und versicherten ihm ihre „volle Unterstützung“. Sie haben sich über die Dekrete zur Sanierung der Staatsfinanzen geeinigt; das Gespenst einer Pleite von „polnischen Ausmaßen“ (so der Budget-Minister) schien gebannt. Die Politiker konnten getrost darauf bauen, daß die Italiener in ihrer Urlaubsstimmung höchstens die Benzinpreiserhöhung zur Kenntnis nehmen würden. Doch Stunden später geschah es: In der schwach besetzten Abgeordnetenkammer brachten „Heckenschützen“ aus dem Regierungslager, gedeckt vom Abstimmungsgeheimnis, ein Dekret zu Fall, das nach den Autofahrern nun gerechterweise auch die Erdölhändler getroffen hätte.

Mißgeschick oder Sieg der Lobby? Jedenfalls eine Gelegenheit, um die Sozialisten aus dem Sommerschlaf zu rütteln. Ihre sieben Minister, voran der für Finanzen, kehrten dem Kabinett den Rücken; in Stunden hatte Parteichef Craxi den unliebsamen Zwischenfall zum tödlichen Unfall der Koalition stilisiert. Angestauter Grollund die Furcht, Unpopuläres mitverantworten zu müssen, entlud sich in seiner Behauptung, Italien sei „wörtlich unregierbar“ geworden.

In diesem Augenblick, in dem Craxi auf Neuwahlen setzt, von denen sich außer ihm fast niemand etwas verspricht, ist ein anderer. Sozialist zur Schlüsselfigur geworden: der 86jährige Sandro Pertini. Er ist freilich seiner Partei und ihren ehrgeizigen Aufsteigern nicht nur seines Amtes wegen längst entrückt. Einzig dieser Präsident, „impulsiv und auch etwas cholerisch, idealistisch, sentimental und vielleicht zu sehr ein Träumer für dieses schwierige Leben“ (so seine Selbstcharakterisierung), verkörpert seit vier Jahren eine Hoffnung, sogar für die junge Generation. In Italien, wie anderswo, kehrt sie der politischen Führungsschicht immer mehr den Rücken, gelangweilt von leeren Phrasen, angewidert von Macht- und Rechthaberei, von taktischen und technischen Künsten, immer mehr enttäuscht von „schwarzen“ wie „roten“ Perspektiven. In Pertini entdeckt sie jedoch nicht etwa einen „grünen“ Apostel – dafür ist er zu nüchtern –, sondern einen Menschen, dem man noch stets Ehrlichkeit und Anstand geglaubt hat.