Von einem Fernseh-Reporter befragt, warum er Sport treibe, berief sich kürzlich auch Spaniens König Juan Carlos auf das allgemein bekannte und oft bemühte antike Zitat (das schon viel Unheil angerichtet hat): Weil – so der König wörtlich – nur in einem gesunden Körper ein gesunder Geist stecken kann.

Die lateinische Version dieses berühmten Ausspruchs, der von dem römischen Dichter Juvenal stammt (etwa 60 bis 140 n. Chr.), wird meistens so wiedergegeben: „Mens sana in corpore sano“. Das tut auch der weitverbreitete Büchmann („Geflügelte Worte und Zitatenschatz“), und zwar noch in seiner neuesten Ausgabe, und übersetzt lapidar: „Eine gesunde Seele in gesundem Körper.“

Die Übersetzung ist unrichtig, muß es sein, weil der Büchmann schon das lateinische Zitat falsch angibt, indem er es auf entstellende Weise verkürzt. Ungekürzt heißt der Satz bei Juvenal (in seinen Satiren X, 356): „Orandum est ut sit mens sana in corpore sano“, womit Juvenal etwas ganz anderes meinte als das, was Turn- und Sportfanatiker später daraus gemacht haben, nämlich dies: „Es wäre zu wünschen, daß in einem gesunden Körper ein gesunder Geist steckte.“

Aber nicht dieser Gedanke, sondern nur die völlig verfälschte Kürzung „Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper“ war es, was vor allem im Deutschland des 19. Jahrhunderts und dann in Hitlers Drittem Reich für erstrebenswert und schließlich unerläßlich gehalten wurde. Die verstümmelnde Fehlinterpretation entsprach genau der Ideologie der von Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852) entwickelten Turnkunst unter dem Wahlspruch „Frisch, fromm, froh, frei“. Im Turnen sah Jahn eine Möglichkeit, die physische und moralische Kraft des deutschen Volkes gegen die napoleonische Herrschaft zu stärken. Als es zur Erhebung Preußens gegen Napoleon kam, schlossen sich zahlreiche Turner den preußischen Freiwilligenverbänden an; Jahn selber übernahm im Freikorps Lützow die Führung eines Bataillons.

Die beabsichtigte Verbindung von Turnen und Militärdienst, die das Turnen zu einer vormilitärischen Ausbildung machte, zeigte sich später immer wieder, nachdem das Turnen an den Schulen eingeführt worden war, zum Kummer vieler Schüler. Nur mit Unbehagen dachte der alte Bismarck an den Turnunterricht zurück, den er als Sechs- bis Zwölfjähriger in der „Plamannschen Lehranstalt“ in Berlin über sich ergehen lassen mußte: „Mit der Turnerei und Jahnschen Reminiszenzen trieb man ein gespreiztes Wesen, das mich anwiderte“, scnrieb er in „Gedanken und Erinnerungen“. Und einige Jahrzehnte später erinnerte sich Thomas Mann: „Wir Jungen hatten in unerfreulichen Turnhallen das Geräteturnen zu üben, das aus der Zeit des Vaters Jahn und der Jugendertüchtigung zum Kriege gegen Napoleon überkommen war. Wir taten es allenfalls in Hemdsärmeln, aber, unglaublicherweise, mit steifem Kragen und möglicherweise mit gestärkter Hemdbrust...“

Was zu Thomas Manns Gymnasialzeit noch ulkig schien, wurde im Dritten Reich bitterer Ernst. Schon 1927 hatte Hitler im zweiten Band von „Mein Kampf“ geschrieben: „In der Masse genommen wird sich ein gesunder, kraftvoller Geist auch nur in einem gesunden und kraftvollen Körper finden. Die Tatsache, daß Genies manches Mal körperlich wenig gutgebildete, ja sogar kranke Wesen sind, hat nichts dagegen zu sagen.“

Und dann skizzierte Hitler sein völkisches Programm der Zukunft: „Der völkische Staat hat... seine gesamte Erziehungsarbeit in erster Linie nicht auf das Einpumpen bloßen Wissens einzustellen, sondern auf das Heranzüchten kerngesunder Körper. Erst in zweiter Linie kommt dann die Ausbildung der geistigen Fähigkeiten ... Der völkische Staat muß ... von der Voraussetzung ausgehen, daß ein zwar wissenschaftlich wenig gebildeter, aber körperlich gesunder Mensch mit gutem, festem Charakter, erfüllt von Entschlußfreudigkeit und Willenskraft, für die Volksgemeinschaft wertvoller ist als ein geistreicher Schwächling.“ Da deutete sich bereits jener verhängnisvolle Schluß an, daß in einem kranken Körper niemals ein gesunder Geist sein könne – eine „völkische Erkenntnis“, die im nationalsozialistischen Reich grausame Konsequenzen hatte, nämlich die Ausmerzung „unwerten Lebens“.

Der Satiriker Juvenal, der stets den geistigen Verfall im Rom seiner Zeit beklagte, hatte all das nicht gemeint. Sein Ausspruch impliziert ja im Gegensatz zu der verfälschten Kürzung die Frage, ob denn wohl jene, die immer nur auf körperliche Ertüchtigung bedacht sind, überhaupt Geist besitzen. Nochmals: „Es wäre zu wünschen, daß in einem, gesunden Körper ein gesunder Geist steckte.“ Juvenal scheint gefürchtet zu haben, daß eben dies normalerweise nicht der Fall sei. Und es ist gut vorstellbar, daß ihm dieser Gedanke just beim Anblick gut gebauter und körperlich durchtrainierter, aber geistig unbedarfter Athleten kam.