Zum erstenmal haben armenische Nationalisten ihren Terrorfeldzug in die Türkei hineingetragen – Rache für einen Völkermord, der siebzig Jahre zurückliegt.

Bei einem Anschlag auf dem Flughafen von Ankara sind am vorigen Samstag neun Menschen getötet und 72 verletzt worden. Die beiden Attentäter, die in der Abfertigungshalle eine Bombe zündeten und dann wahllos auf Sicherheitsbeamte und Passagiere schossen, gehörten der „Geheimarmee für die Befreiung Armeniens“ (ASALA) an.

Auf das Konto der ASALA, die ihren Hauptstützpunkt in Beirut hat und der enge Verbindungen zur PLO nachgesagt werden, sowie der „Gerechtigkeitskommandos gegen den armenischen Völkermord gehen mehr als 60 Anschläge auf türkische Diplomaten im Ausland während der letzten neun Jahre, denen mindestens 22 Personen zum Opfer fielen. Das Attentat von Ankara ist die erste große Aktion der armenischen Nationalisten auf türkischem Boden.

Die Terrorwelle begann im Januar 1973, als in der kalifornischen Stadt Santa Barbara der türkische Generalkonsul und sein Stellvertreter erschossen wurden. Die Gewaltakte sollen die Welt auf das Schicksal des armenischen Volkes aufmerksam machen, das um die Jahrhundertwende in der Türkei systematisch ausgerottet wurde.

Die Leidensgeschichte der Armenier begann mit der Auflösung des Osmanischen Reiches. Allein in den Jahren 1894-96 wurden 300 000 Armenier von türkischen Soldaten massakriert. 1915 ließ die Jungtürken-Regierung fast anderthalb Millionen armenische Männer, Frauen und Kinder ermorden oder adoptieren. Die Welt sah dem Völkermord tatenlos zu.

Nur knapp 60 000 Armenier leben heute noch in der Türkei. Davon rund 40 000 in Istanbul. Rund fünf Millionen haben ihre Heimat in der Sowjetunion. Große armenische Volksgruppen leben im Nahen Osten, in Frankreich und in den USA.

Die türkische Regierung leugnet noch immer die Massaker. Die Attentatsserie der letzten Jahre dürfte sie in ihrer Weigerung, Verantwortung für früheres Geschehen zu übernehmen, noch bestärken. Sie wäre dann auch in einer Zwangslage: ginge sie auf die Autonomieforderungen der Armenier ein, so könnten auch die Kurden, die andere, größere Minderheit im Osten der Türkei, Ansprüche stellen.

Die Generäle in Ankara, die ihre Macht mit dem notwendigen Kampf gegen den Terror von links und rechts rechtfertigten, behaupten jetzt, daß die beiden armenischen Terroristen von linksextremen türkischen Gruppen unterstützt worden sind. Im Zusammenhang mit dem Anschlag vom Wochenende wurden bisher 28 Angehörige angeblich extremistischer Organisationen verhaftet. Damit verringern sich Hoffnungen auf eine baldige Aufhebung des Kriegsrechts.

Die regierenden Militärs hatten in der vergangenen Woche Ansätze dazu gemacht. Sie lockerten die Kriegsrechtsbestimmungen, um eine Diskussion über eine neue Verfassung zu ermöglichen. Politische Versammlungen und öffentliche Meinungsäußerungen bleiben den ehemals führenden Parteipolitikern jedoch verwehrt. Matthias Naß