Die Süddeutsche. Zeitung faßte die Botschaft des FDP-Vorsitzenden in den Appell zusammen:’ „Kurs halten!“ Die Welt aber fand den Titel: „Genscher rechtfertigt Wort von der Notwendigkeit der Wende“ und schloß messerscharf, Genscher habe den Fehdehandschuh der Parteilinken aufgegriffen, Die Stuttgarter Zeitung indes urteilte nüchtern: „Genscher ruft die FDP zur Geschlossenheit auf.“

Äußerungen aus dem Lager der FDP, zumal des Parteivorsitzenden, haben gegenwärtig einen hohen Aufmerksamkeitswert. Und jede Stellungnahme – das hat auch der FDP-Fraktionsvorsitzende Mischnick erfahren – wird mit Befürchtungen und Hoffnungen unterlegt, die meist mehr über den politischen Standort des Kommentators als über den Inhalt der Mitteilung verraten.

Daß Genscher bis zu den hessischen Wahlen öffentliche und kontroverse Diskussionen über Koalitionen und politische Ziele vermeiden möchte, darf man getrost unterstellen. Aber im übrigen bleibt für Mutmaßungen ein weites Feld, Daß die FDP zu so verschiedenen Interpretationen einlädt, liegt gewiß nicht nur an den Journalisten.

„Ihr Aufruf, die Massen hier herumlungernder Ausländer zu integrieren, hat mich tief erschüttert ... Nunmehr ist es soweit, daß die SPD offene Parteinahme zugunsten der Ausländer nimmt.... Die SPD verbessert zielstrebig die Lebensqualität dieser angeblichen ,Gastarbeiter‘ und verschlechtert die der Deutschen...-Die größte Abneigung gilt den sogenannten Asylanten, die sich hier durchfressen!

Dies sind einige Zitate aus einem Brief an Justizminister Jürgen Schmude. Und dieser Brief ist einer von vielen, die an den Minister geschickt wurden. Er ist gewiß nicht der einzige Politiker, der solche Schreiben erhält; im Innenministerium stapeln sie sich noch höher, aber der Posteingang im Justizministerium scheint nicht untypisch zu sein.

Zum einen gibt es kein Thema, das so viele Zuschriften auslöste; seit Jahresbeginn kommt die Post in Wellen. Zum zweiten ist der Anteil der anonymen Zuschriften größer als bei irgendeinem Thema. Zum dritten verraten Rechtschreibung und Stil meist, daß hier nicht die Bildungs-Elite zur Feder gegriffen hat, und viertens wird eine merkwürdige Tatsache deutlich: die Briefe beziehen sich fast nie auf eigene Erlebnisse, sondern auf Hörensagen, auf Zeitungsmeldungen über Verbrechen oder Gesetzesübertretungen oder auf Erklärungen des Ministers.

Hat Schmude etwa darauf hingewiesen, daß der Zuzug von Ausländem zwar drastisch eingeschränkt, aber wegen Artikel 6 des Grundgesetzes (Schutz der Familie) nicht bedingungslos gestoppt werden könne, wird ihm mitgeteilt: „Ihre Familie wird auf Steuergroschen beschützt und bewacht (eine Schande!), aber unsere Frauen und Kinder sind den von Ihnen beschützten Ausländern ausgesetzt“.