Jimmy Carter – Ein Präsident der Versöhnung und sein Scheitern Von Klaus Harpprecht

Der Professor hatte eine unnachahmliche Technik, halb über das Sofa hingestreckt, Hinterkopf und Gesäß in eine Linie zu befördern, die seinen Bauch von allen Bedrückungen befreite. Sein gewaltiger Leib beherrschte sozusagen den Raum und gab seinem scharfen Bariton eine sonore Stütze. Das Gesicht war entspannt, und die Stimme dozierte ohne Anstrengung, ihrer Wirkung sicher: „Sie verstehen das Phänomen Jimmy Carter nicht, wenn Sie nicht wissen, daß die fundamentalistische Pfingstkirche seit 1945 mehr als 25 Millionen Anhänger in diesem Land gefunden hat.“

Hinter den Brillengläsern ließ er die Augen herausfordernd funkeln und mit dem frohen Mut des Bekenners rief er über den Tisch, er selber sei praktizierender Baptist. Längst, ehe irgendein anderer aus der akademischen Zunft „auf den Wagen“ des Predigers aus Georgia gehüpft sei, habe er sich vor und hinter Carter gestellt, der die wahre und nicht länger schweigende Mehrheit des Landes vertrete: den Protestantismus des kleinen Mannes. Man sah den Professor, während er sprach, Erwachsene und Kinder der Sonntagsschule unterweisend, sah ihn auch – schmerzlich bewegt – in der schmalen Kirchenbank, das starke Haupt zur Kanzel emporwerfend: „Right on, and bless the Lord.“

Seine Analyse traf völlig zu. Jimmy Carter sprach die Sprache, die jedes zweite, jedes dritte Kind Amerikas seit dem zartesten Alter im Ohr hat, die Sonntag für Sonntag durch hunderttausend Kirchen schallt, schwarze und weiße, ausladende Tempel und schmächtige Gebetshäuser, eine Sprache, die sich in der innersten Bewegung des Landes geformt hat und nicht welk geworden ist bis auf den heutigen Tag.

Schwarzer und weißer Baptismus haben sich in den spirituellen Ekstasen, in ihrer Innigkeit und in der karitativen Pflicht gegenseitig berührt. Hier wie dort behauptete sich die Gemeinde nicht nur als geistlicher, sondern auch als sozialer Mittelpunkt des Daseins. Man geht nicht nur zur Kirche, sondern lebt mit ihr. Die Getreuen sammeln sich an den Abenden oft zu Vorträgen, Kaffeeklatsch und Konzerten, zu Basaren, Budenzauber, Tanz und Festen. In Amerika besitzen die Kirchen eine gesellschaftliche Dynamik, von der sie in Europa schon lange nicht mehr zu träumen wagen. Es ist von einer heiligen Ironie, daß die strikte Trennung von Kirche und Staat gerade jene Kräfte freisetzte, die in der Alten Welt matt geworden sind. Die Entstaatlichung des amerikanischen Christentums ließ im Umfeld das kirchliche Leben die „Grassroots“, die Graswurzeln einer politischen Willensbildung wachsen, im Guten wie im Bösen, moralisierend und demokratisierend. Im Umkreis des kirchlichen Aktivismus gedeihen viele politische Talente, die ohne die Kirchen verdorrt und gegen sie verloren wären.

Plains und die Baptistenkirche

Hier ging die Saat auf, die James Earl Carter erntete. Er selbst empfand sich nicht als Fundamentalisten, doch er fühlte sich dem Geist des Evangeliums nahe. Ein Jahr nach dem Ende seiner Amtszeit als Gouverneur von Georgia war er missionierend in den Industrierevieren der Ostküste unterwegs. Auf jener Erbauungs- und Erweckungsreise lernte er, daß auch die Menschen in den Metropolen sich der schlichten Verkündung des südlichen Baptismus nicht versagen. Tatsächlich fand er bei der Wahl 1976 in fast jedem Getto und Elendsviertel eine Mehrheit. Obwohl er kaum je die Stimme über den sachten und singenden Tonfall seines Dialektes hinaushob und jede aufpeitschende Geste scheute, erkannten die Mühseligen und Beladenen. in ihm den Botschafter der Hoffnung. Sie blieben ihm 1980 treu.