Die Pegnitzer waren auf das Ereignis gut vorbereitet: „Einige Tage müssen sich die umliegenden Bürger von ‚Pflaums Posthotel‘ mit nächtlicher Musik abfinden“, stand entschuldigend im Nordbayerischen Kurier‚ und es wurde auch nicht vergessen zu sagen warum: Die Musik „diene einmal der Kunst, zum anderen aber auch der Ankurbelung des Fremdenverkehrs“.

Dabei sind von Ende Juli bis Ende August im Pegnitzer Posthotel sowieso schon alle da. Künstler und Kritiker, Unternehmer und Politiker, Darsteller und Selbstdarsteller zuhauf. Sie alle kommen freilich eines musikalischen Ereignisses wegen, das zwanzig Autominuten entfernt auf dem grünen Hügel von Bayreuth stattfindet; und das – mögen die Hörner im Festspielhaus auch noch so mächtig anheben – hat die Pegnitzer in ihrer Nachtruhe bisher noch nicht gestört.

Die Entfernung „Pflaums Posthotel“ – Bayreuther Festspielhaus nehmen inzwischen selbst diejenigen in Kauf, die in Salzburg immer so wohnen, daß sie zu Fuß ins Festspielhaus kommen. Denn die Gebrüder Pflaum haben aus dem biederen Postgasthof ihrer Vorfahren (in dem freilich schon Richard Wagner bei fränkischem Täubchen seine vegetarische Vorliebe vergaß) eine Adresse für verwöhnte Genießer gemacht: gerade so ländlich-fränkisch, daß sich die Gäste aus dem Ausland sofort wohlig fühlen und gerade so komfortabel, daß die Menschen von Pegnitz und Umgebung glauben, es sei die große Welt.

Irgendwann einmal aber muß es Andreas Pflaum (Management) und Hermann Pflaum (Küche) zu langweilig geworden sein, die Kunstschaffenden und Kunstbeflissenen in ihrem Hause allein mit Lebensmitteln zu versorgen (obwohl der ren Zubereitung so poetisch-phantasievoll ist, daß sie Jubelkritiken in Gourmet-Journalen erntet).

So tischten sie ihren Gästen – Höhepunkt aller vorherigen kulturellen Bemühungen – kurz vor dem Auftakt der Bayreuther Festspiele ein hausgemachtes Wagner-Spektakel auf: eine nächtliche Aufführung zwischen Kunst und Küche, Waldpilzen und Wagner-Liedern, Champagner und „Kaffee Lohengrin“, Vielliebchen-Walzer und Meringe-Schwan. Ein wahrer Kraftakt: drei Probewochen, sechs Vorstellungen, sechs Menü-Gänge, ungezählte Gesänge, mehrere Uraufführungen unbekannter oder nachempfundener Wagneriana, 16 Darsteller, dazu ein (echter) Affe und ein (falscher) Bär, Titel? „Wagner weiter heiter“. Eintritt; 200 Mark, Dauer-, fünf Stunden, Ein Hotel als Theater, eine Hotelfamilie als Mäzen.

Nun ist das Schauen und Schmausen gute alte Operntradition und kostet barocke Zeitgenossen nicht den kleinsten Funken Überwindung, Sogar Alt-Wagnerianer greifen in den Pausen auf dem grünen Hügel kräftig zu. Schwierig nur, daß der sinnenfrohe Mensch unserer Tage meist aus dem Alltag zu Premieren anreist und von seinem Hotel nicht viel mehr als Ruhe und guten Service erwartet. Zudem vergehen selbst bei Premium-Pils, „Würzburger Stein“ und kalifornischem Rotwein fünf Nachtstunden nicht im Fluge, und so war die „gediegene Langeweile“, die ein Lokalblatt in den Mienen des Publikums zwischen 21 und dreißig um 2 Uhr 30 entdeckt haben wollte, vermutlich Müdigkeit, nichts sonst.

Denn Peter Paul Pachl, der junge Bayreuther Regisseur, hat mit leichter, fröhlicher Hand inszeniert, mal zauberisch verspielt, mal so derb-komödiantisch, daß manchem vor Schreck die pochierte Himbeere von der Gabel ins Vanilleeis fiel. Schöne Augenblicke: Wenn Barbara Edtstadler so nah mit ihrem herrlichen Sopran vorbeitanzt, daß man Angst hat, der Teller mit Gänseleberpastete könnte zerspringen; oder wenn im Finale der verkommene Adel auftritt mit einer Frau von Perlmutter bis zu einem Baron von Nachtschatten, Die in festlichem Taft gerechten Damen und dunkelgewandeln Herren fühlten sich jedoch nur zum Teil angesprochen und vermögen wenig Miene, präzise achteten sie – bei den ständig wechselnden Spielorten – auf eine geregelte Sitzordnung, bloß kein Durcheinander.