Die Tatsache, daß ich heute Soziologe bin, bedeutet mir mehr, als nur Erinnerung an ein liebenswertes Stückchen meiner Biographie zu sein; und gewiß mehr, als nun endlich mit einem Abschluß die Universität zu verlassen.

Als was ich Soziologie zu verstehen habe, erfuhr ich durch die Ereignisse des Protestes und Engagements zu Ende der sechziger Jahre. Was Soziologie ausrichten kann und ausrichten muß, wußte ich schon, bevor ich das Studium begann. Zum Glück traf ich ein paar Leute mit ähnlicher Anschauung.

So wie es im „Jubiläumsjahr: zehn Jahre nach 68“ oft zu lesen war, schien mir das Damals lediglich als Lieferant für nostalgische Delikatessen herzuhalten, nach dem Motto: Dabeigewesen zu sein ist alles. Natürlich kam jene 68er Zeit nicht unter der Regie des Zufalls zustande. Die stattgefundenen Aktivitäten gegen Sachen- und Menschenzwang demonstrierten eindrücklich, daß die Haltung der gebundenen Hände nicht die naturgegebene Haltung für die Menschen ist.

Der damals für einige Augenblicke offen zur Einsicht daliegende Konnex von geistig-intellektueller Reflexion und tatsächlichem gesellschaftlichem Geschehen bestimmt für heute wie selbstverständlich das Selbstverständnis einiger junger Soziologen und auch Politologen. Die Vorstellung vom Inhalt der Aufgaben des studierten Faches heißt, Theorien und Kritik zur Gesellschaft zu entwickeln und von den jetzigen Sach- und Menschenverhältnissen auszugehen, um sie über ihren, zur Zeit gültigen, rationalen Pragmatismus hinauszudenken. Der persönliche Grund, Soziologie zu studieren, wurde zum Grund für das Fach überhaupt. Das genaue Hinsehen auf zwischenmenschliche Verhältnisse und das infragestellende Befragen dieser Verhältnisse ist die Sache, um die es beim Praktizieren der Soziologie gehen sollte. Im Gegensatz dazu, stünde das statistisch erfassende, das katalogisierende Befragen des Bestehenden als Selbstzweck, so als ließen sich Befindlichkeiten in Befunden allein ausdrücken.

Heute stirbt, so kommt es mir nach meinen Erfahrungen an der Universität Hamburg vor, die Lebendigkeit der Klassiker „gegen den Sachzwang“ (Adorno, Marcuse, Sartre) allmählich ab, und ihre Kraft friert ein durch ein nichts wollendes Epigonentum: „Adorno hat gesagt...“

Zwei Entwicklungen kennzeichnen heute die Lage der von mir angesprochenen Soziologen/Politologengeneration. Zum einen ist der Gang des Selbstlautes vom Unilernen zum Unilehren verstopft und zum anderen hat sich die Soziologie offenbar der Bequemlichkeit ergeben, denn die Dinge in der Gesellschaft (Musik, Jugend, Alternativen, Medien) werden von ihr ganz beharrlich nicht thematisiert. Zum einen: Die Selbstversorgung der Hochschulen mit geisteswissenschaftlichem Nachwuchs ist praktisch bis auf weiteres abgeschlossen. Das soziologische Seminar entläßt seine Studenten mit zertifiziertem Abschluß mithin „nach draußen“, mitten in die Gesellschaft hinein; und natürlich mitten auf den Arbeitsmarkt. Doch wer fragt ausgerechnet nach denen, die das Denken nicht lassen Können, obwohl doch an hinsehenden, denkenden und phantasierenden Menschen ein großer Bedarf besteht.

Es wurde versäumt, aus der Soziologie eine gesellschaftsinterne Angelegenheit zu machen, sie blieb bis heute Sache der Universität. Gerade deshalb kann es angehen, daß die Universität für Soziologen ein „Innen“ darstellt und die Gesellschaft in ein „Außen“ gedrängt wird. Im Soziologenbetrieb scheint es zu reichen, sich gegenseitig die Befähigung zur „soziologischen Sichtweise“ (was genauer das auch immer sei!) vorzuführen. Offenbar arbeitet diese Praxis, wie eben erwähnt, an den gesellschaftlichen Gegenwärtigkeiten vorbei. Von der Psychologie weiß man, wenn man auch sonst nichts weiß, daß sie beständig neue Therapieformen produziert; von der Pädagogik weiß man, spätestens seit Ivan Illich über die Verschulung der Gesellschaft schrieb, daß sie dabei ist, alle möglichen gesellschaftlichen Bereiche zu durchsetzen. Aber was weiß man von der Soziologie? „Soziologen, das sind doch die Experten für die Experten. Keine Ahnung, was die machen.“