Einstweilen den Tiefpunkt seines Schaffens hat Warhol nun aber mit seinen Beiträgen zur Kasseler „documenta 7“ erreicht, „Oxydationen“ heißen die rotbraun grundierten Leinwände (in einem Raum mit Richard Long und Anselm Kiefer, im Fridericianum), auf denen man allerlei dunkle, schmale und dickere Linien und Punkte in wirrem Durcheinander wahrnehmen kann. Der Titel hat Ablenkungsfunktion: „Piss-Paintings“ ist nämlich der korrekte Titel des Zyklus, auf den sich übrigens in beiden Bänden des „documenta“-Katalogs kein das Geheimnis lüftender Hinweis findet. „Piss-Paintings“, weil Warhol auf die Leinwände uriniert hat. Die dunklen Spuren bezeugen, wieviel in welcher Dichte aus seinem Inneren kam. Höhnisch und zynisch konfrontiert Warhol uns damit, daß er sehr offensichtlich jedenfalls in einer Hinsicht noch nicht am Ende ist: Zu einer körperlichen Reaktion ist er, falls er, unüberprüfbar, es selber war, immerhin noch fähig, wasserlassend auf der nun freilich wirklich untersten Stufe der Selbstäußerung.

Peter Iden: „Andy Warhol – ein Gerücht von gestern“, Frankfurter Rundschau, 6. August 1982.

Kino: Tod in Hamburg

Damals in den fünfziger Jahren, als wir „Robin Hood“ und „Bambi“ in Kinos sahen, die „Astoria“ hießen und „Blumenlichtspiele“, war es uns ziemlich egal, wie diese Kinos aussahen. Hauptsache Kino. Heute, im Video-Zeitalter, trauern echte Kinogänger diesen schönen alten Kinos nach, denn die Pracht aus Plüsch und Stuck war auch ein Versprechen: daß wir mehr erwarten durften als im Fernsehen, etwas Besonderes, eben Kino. In einem der letzten dieser Kinos und im schönsten Hamburgs schließt sich am 22. August endgültig der Vorhang: Das „Esplanade“ wird ausgeräumt, und die „Zentralbank der Norddeutschen Volksbanken“, der das klassizistische Gebäude gehört, wird sich mit Schreibtischen und Aktenschränken dort ausbreiten, wo jetzt ein wunderbar altmodisches Kino ist. Man kann dort noch Plätze reservieren lassen, es gibt eine Garderobe, und die Platzanweiserinnen sehen aus, als würden sie einem vom Besuch des Films abraten, wenn sie ihn selber schlecht fänden. Der Kinosaal sieht aus wie der Speisesaal eines Badehotels der Jahrhundertwende, mit vielen messingbewehrten Logen, mit Putten und Kronleuchtern. Wer ins „Esplanade“ ging, der konnte sicher sein, daß er zumindest einen halbwegs interessanten, wenn nicht guten Film zu sehen bekäme und daß dieser Film anständig vorgeführt würde, mit einer korrekten Projektion und in einer guten Kopie. So zu verfahren, gilt in der Halbwelt der Kinobesitzer gemeinhin als ruinös. Das „Esplanade“ hingegen machte guten Gewinn. Es hatte ein Stammpublikum, und das war ziemlich groß, weil es in Hamburg kein anderes gutes Erstaufführungskino gibt. Es ist das letzte. Gewesen. Dagegen gibt es kein Mittel. Juristisch ist alles korrekt, und das Denkmalsschutzamt stellt sich dumm und sagt: „Das ist nicht original.“ Vermutlich Kitsch. Hätten wir doch mehr davon! Der letzte Film, den die Hamburger dort sehen können, handelt vom Sterben eines alten Mannes, vom Ende einer bürgerlichen Kultur: „Der Tod in Venedig“.

Theater in Trance

Theaterkrise? Nicht in Schleswig-Holstein. Denn dort, zwischen Nordsee und Ostsee, zwischen Schleswig, Rendsburg und Flensburg residiert und reist das rührige Schleswig-Holsteinische Landestheater (Generalintendant Dr. Horst Mesalla). Jetzt hat die Bühne, in einem schön bunten Werbeprospekt, ihre Pläne für die Saison 1982/83 bekanntgemacht. Da werden die Werke des Schauspielprogramms in treffenden Kurzanalysen vorgestellt (Shakespeares „Was ihr wollt“: „Liebe und Leid in der unsterblichen Verwechslungskomödie“; O’Neills „Eines langen Tages Reise in die Nacht“: „In einem erregenden Psychodrama reißt die Habgier eine ganze Familie in den Abgrund“). Da heißt es zum Programm der Operette: „Bekannte und beschwingte Melodien – reizvoll-erotische Thematik – allemal Happy-End. Franz Lehar, Paul Abraham und Carl Zeller garantieren heitere Unterhaltung.“ Da verspricht man für die Oper: „Das musikalische Testament Offenbachs, die phantastische Oper ‚Hoffmanns Erzählungen‘, beginnt die Reihe der fünf Opern dieser Spielzeit. Strahlender Belcanto, komisch-sinnliche Musikalität, zwanglose Heiterkeit, ausgedrückt durch unwiderstehlich musikalische Verzerrung bis zur gesteigerten Empfindsamkeit des Frühwerkes Mozarts ‚Die Gärtnerin aus Liebe‘, zeichnen die Komische Opern ‚Viva la Mamma‘, eine musikalische Farce des Operbetriebs, ‚Zar und Zimmermann‘ von herzhaft frischer Pathetik und ‚Der Barbier von Sevilla‘ mit dem Faktotum ‚Figaro‘ aus.“ Und auch das Tanztheater wird in Schleswig gepflegt, sorgsamer allerdings als anderswo: „Grazie, ausdrucksvolle Posen, ästhetische Körperlichkeit führen die Sprache des reinen Balletts. So auch die märchenhaft-theatralische ‚Coppélia‘ von Leo Delibes.“ All diese Poesie geschmückt mit entzückenden Farbphotos, die aussehen, als würde der Wienerwald-Konzern nicht nur Brathühner und Gruppenreisen verkaufen, sondern auch Produkte der darstellenden Kunst. Das Theater ist tot. Es lebe die Provinz!

Dieter Borsche

Der katholische „Film-Dienst“ beschrieb das Erfolgsrezept Schon 1952 bündig so: „Gepflegte Dieter-Borsche-Dramatik in nobler Umgebung“. Dieser Satz galt zwar nur dem längst vergessenen Film „Der Kaplan von San Lorenzo“, paßt aber leicht auch auf Titel wie „Es kommt ein Tag“ (1950), „Dr. Holl“ (1951), „Die große Versuchung“ (1952) und die Thomas-Mann-Verfilmung „Königliche Hoheit“ (1953). Am liebsten steckten die Produzenten der frühen Adenauer-Jahre den 1909 in Hannover geborenen Dieter Albert Eugen Rollomann Borsche in Arztkittel oder Priesterrock. An der Seite von Maria Schell und Ruth Leuwerik spielte er damals meistens sehr edle Kino-Naturen. Als seelenvoller Feldkaplan in Harald Brauns „Nachtwache“ schaffte er 1949 den Durchbruch zum Kassen-Magneten. Aber selbst in den muffigsten Dramen der Rudolf Jugert und Rolf Hansen blieb Borsche ein kompetenter Schauspieler, der sehr viel später nicht ohne Selbstironie über seine Karriere als Traum-Mann des Wirtschaftswunder-Kinos erzählte. Späten Erfolg hatte er wieder auf der Bühne: in Hochhuths „Stellvertreter“ und in Kipphardts „In der Sache J. Robert Oppenheimer“. 1969 überraschte er die Republik im Fernsehen als „Halstuch-Mörder“. In den letzten Jahren konnte er, einer tückischen Krankheit wegen, nur noch im Rollstuhl auftreten. Am Donnerstag letzter Woche starb Dieter Borsche im Alter von 72 Jahren in einem Nürnberger Krankenhaus.