Die Entscheidung Präsident Reagans, amerikanischen Unternehmen und ihren Lizenznehmern eine Beteiligung am Bau der Gasleitung von Sibirien nach Westeuropa zu verbieten, belastet die atlantischen Beziehungen.

Europäische Unternehmen werden es sich in Zukunft sehr genau überlegen müssen, ehe sie mit amerikanischen Firmen Verträge schließen, die sie in direkte Abhängigkeit von der jeweiligen Politik in Washington bringen können. Das Embargo gegenüber der UdSSR ist nämlich keineswegs ein Einzelfall. Wegen der Spannungen mit Libyen hat die US-Regierung auch den Verkauf strategisch wichtiger Güter an den Wüstenstaat verboten. Deshalb können zehn europäische Airbusse, die von der Libyan Arab Airlines bestellt wurden, nicht geliefert werden. Die Maschinen sind mit Triebwerken amerikanischer Herkunft ausgerüstet. Auch in den USA vermag nicht jeder der Logik des Präsidenten zu folgen, wie ein Kommentar der Washington Post zeigt:

Präsident Reagan hat entschieden, die Getreidelieferungen an die Sowjetunion für ein Jahr zu verlängern. Er hat eine ganze Reihe von Gründen, warum es für die Amerikaner richtig und gerecht sei, Getreide zu verkaufen, während es bedauerlich ist, daß Europa Technologie und Ausrüstung verkauft für eine Erdgasleitung von der Sowjetunion nach Westeuropa.

Diese Gründe sind nicht ganz und gar von der Hand zu weisen. Aber nach sorgfältiger Prüfung dieser Gründe finden wir, daß sie am überzeugendsten für Leute klingen, die gerade in einem Kornfeld stehen, wenn sie sie hören. Wer aber zufällig in einer Kompressorenfabrik in Westdeutschland arbeitet, für den sind die Argumente wahrscheinlich überhaupt nicht überzeugend.

Es überrascht nicht, daß Herr Reagan den sowjetischen Getreidemarkt für amerikanische Bauern offenhalten möchte. Er hat das Embargo, das sein Vorgänger nach der Sowjetinvasion in Afghanistan beschlossen hatte, aufgehoben und hat nicht im geringsten daran gedacht, es wieder einzuführen, als die polnische Unterdrückung im letzten Dezember begann. Was den Getreidehandel angeht, akzeptiert er keine wirkliche Verbindung zur Politik. Aber er sieht die politische Verbindung beim europäischen Röhrengeschäft – nämlich mit Polen. Daß die Europäer aus mancherlei politischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Gründen dagegen opponieren, läßt ihn kalt. Die ganze Härte, die er eigentlich gegen die Sowjets oder die Machthaber in Polen anwenden müßte, richtet sich nun gegen Amerikas engste Verbündete.

Grundsätzlich scheint es reizvoll zu sein, wenn man dem Gegner etwas verweigert, worauf er Wert legt. Aber zu allererst kommt es sehr darauf an, wer getroffen werden soll: die riesige, disziplinierte Sowjetgesellschaft zum Beispiel oder das relativ kleine und vielleicht verletzbare polnische Regime?

Diese Fragen wären schwierig genug, wenn die allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse hervorragend wären und das Bündnis auf allen anderen Gebieten reibungslos funktionierte. Aber in Zeiten der Rezession und der wirtschaftlichen Unordnung überfordern sie das ganze System.