Nach Beantragung des Vergleichsverfahrens ist Bewegung in die Aktien von AEG-Telefunken gekommen. Sie sind zum Spekulationspapier Nr. 1 an den deutschen Börsen geworden. Lohnt es sich jetzt, bei AEG-Telefunken „einzusteigen“?

Der Antrag des Vorstandes von AEG-Telefunken auf Einleitung eines Vergleichsverfahrens hat den Kurs der AEG-Aktien in den deutschen Börsensälen von 23 auf nahe 30 Mark steigen lassen. Inzwischen ist er kräftig zurückgefallen. Die Gefahr eines Totalabsturzes ist noch nicht gebannt. Die AEG-Aktionäre sind froh, um den Konkurs ihres Unternehmens noch einmal herumgekommen zu sein. Insofern war der kurze Wiederanstieg des Kurses sicherlich berechtigt.

Aber der Jubel darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß noch längst nicht alles ausgestanden ist. Im Sanierungskonzept 83 ist zwar von einem neuen Kapitalschnitt nicht die Rede. Aber deshalb zu behaupten, er würde nicht erforderlich werden, wäre mehr als leichtfertig.

Zwar ist der vorläufige Vergleichsverwalter zuversichtlich, die für einen Vergleich notwendige Quote von 40 Prozent zusammenzubekommen; aber diese Feststellung kam zu rasch nach seiner Amtsübernahme, um darauf finanzielle Dispositionen bauen zu können. die nächsten Wochen werden zeigen, wie es wirklich mit den Finanzen von AEG-Telefunken bestellt ist. Nach den bisherigen Erfahrungen ist zu befürchten, daß es in dieser Hinsicht noch zu manchen unangenehmen Überraschungen kommt.

Wenn von bestimmter Seite Kaufempfehlungen für AEG-Aktien mit dem Hinweis untermauert werden, daß die Aktionäre mit der Streichung von 60 Prozent aller Schulden plötzlich „reicher“ geworden sind, oder wenn darauf hingewiesen wird, daß die AEG „buchstäblich über Nacht von den Kreditinstituten viermal ihr Grundkapital „geschenkt‘ bekommen hat (so das Züricher Fachblatt Finanz und Wirtschaft), dann sind das rein theoretische Betrachtungsweisen, die falsche Vorstellungen über ein Unternehmen wecken, das sich in einem noch nicht gebilligten Vergleichsverfahren befindet.

Gehen wir einmal davon aus, meine verehrten Leser, daß es gelingen wird, die Gläubiger mit einer Quote von 40 Prozent zu befriedigen, dann stellt sich sofort die Frage, welche Vermögenswerte der AEG noch verblieben sind, und ob es sich um eine Substanz handelt, mit der später wieder Geld verdient werden kann. Mit Sicherheit wird die „neue AEG“ ein stark geschrumpftes Unternehmen sein. Ob für sie ein Aktienkapital von heute knapp 620 Millionen Mark dann richtig bemessen ist,-wird bezweifelt werden müssen.

Der gegenwärtige Börsenkurs macht bereits deutlich, daß bei der Bewertung der Aktie ein Kapitalschnitt von rund 2:1 berücksichtigt ist. Inwieweit diese Relation richtig ist, steht auf einem anderen Blatt. Es gibt AEG-Spezialisten, die einen Schnitt von 10:1 durchaus nicht ausschließen. Natürlich sind auch das Spekulationen. Aber die AEG-Aktie ist nun einmal zu einem Spekulationspapier geworden, bei der es um alles oder nichts geht. Sie erlebt jetzt das Schicksal aller „Nonvaleurs“, wie an der Börse wertlos erscheinende Wertpapiere bezeichnet werden.