Von Werner Dageför

Merkwürdiges wird mitunter offeriert in den Kleinanzeigenspalten deutscher Tageszeitungen. Ein „Schneewittchen“ wird da etwa angeboten, „extrem gepflegt, nur im Sommer benutzt und wie ladenneu“. wer Märchen nicht mag und eher Handfestes schätzt, kann sich auch für den Typ „Schwarzer Edelstein“ entscheiden, und Romantiker interessieren sich vielleicht für den „Sommertraum in Silber“.

Während Unbedarfte sich noch wundern mögen, sind Kenner bereits entzückt, wenn sie derartige Annoncen entdecken, denn Eingeweihte wissen: Ein „Schneewittchen“ ist ein komplett in weißer Farbe lackiertes Auto, einschließlich Stoßstangen, Kühlergrill, Zierleisten und Türgriffen. Im Gegensatz dazu wird am „Schwarzen Edelstein“ die Farbe Weiß allenfalls noch auf dem unabänderlichen Zulassungsschild geduldet – sonst ist halt alles schwarz.

Galten früher ganze Batterien von Halogen-Scheinwerfern, kiloweise Chrom oder „schnelle“ Rallyestreifen als chic, so lassen elitäre Lenker ihre Autos heute am liebsten Ton in Ton lackieren. „Der Trend zum farblich individuell gestalteten Fahrzeug nimmt zu“, notierte etwa die Fachzeitschrift kfz-betrieb.

In der Tat: Weil die Mehrzahl der Automobilhersteller die ausgefallenen Farbvorstellungen ihrer Kunden nicht befriedigen kann, klingelt bei Deutschlands Lackierern zunehmend die Kasse. Die Klientel besteht „vorwiegend aus jüngeren Leuten, die sich vom uniformen Blechallerlei abheben wollen“, hat Gerhard Werner vom deutschen Zentralverband Karosserie- und Fahrzeugtechnik festgestellt. Zu jung darf die Kundschaft allerdings nicht sein, denn die Preise für Sonderlackierungen verlangen schon nach einem gesicherten Einkommen. Bevor etwa der Frankfurter „Auto-Gestalter“ Buchmann einen komplett einfarbig lackierten VW Golf an den Eigentümer zurückgibt, müssen rund 6000 Mark bezahlt sein. Bei größeren Fahrzeugen wird das Doppelte verlangt.

Üblicherweise begnügen sich die meisten Farb-Fans allerdings damit, Stoßstangen, Spoiler und Kühlergrill in Wagenfarbe spritzen zu lassen. Normale Lackierbetriebe verlangen dafür etwa 600 bis 1000 Mark, je nach Wagentyp. Neben Golf-Fahrern schätzen inzwischen vor allem mehr und mehr Mercedes-Eigner die Veredelungskünste der Farbverarbeiter. Allein in der Region Frankfurt, wo der Anteil der Spitzenmodelle aus dem Hause Daimler-Benz (von 280 S aufwärts) besonders groß ist, haben sich gleich mehrere kleine Lackierbetriebe darauf spezialisiert, die von vielen Mercedes-Besitzern als popelig empfundenen Seitenteile aus billig wirkendem Kunststoff auf die Wagenfarbe umzuspritzen. „So gesehen ist die neue S-Klasse von Mercedes für uns ein Segen“, freut sich Friedrich Bimboese über die einträgliche Marktlücke. In seiner Offenbacher Firma wurden in den letzten fünf Monaten rund 100 Daimler-Benz-Fahrzeuge nachlackiert – für genau 1000 Mark pro Auftrag.

Bei den Automobilproduzenten scheint man dagegen noch nichts von dem neuen Trend gehört zu haben. Allein Alfa Romeo unternahm bisher einen ernsthaften Versuch, an der neuen deutschen Farb-Welle zu partizipieren. Zu Jahresbeginn ließ man 500 komplett weiß lackierte Alfasud in die Verkaufssalons rollen – innerhalb von vier Monaten waren die immerhin fast 19 000 Mark kostenden Albinos fast ausverkauft.