ARD, Freitag, 20. August, 21.45 Uhr: „Kriegsgefangene Frauen“, eine Dokumentation von Eva Berthold.

Im Bericht der „Wissenschaftlichen Kommission zur Geschichte der Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkriegs“ ist in über zwanzig Bänden nur auf wenigen Seiten von Frauen die Rede Zwar hatte Hitler 1934 auf dem Deutschen Frauenkongreß in Nürnberg propagiert: „Wir finden es nicht als richtig, wenn das Weib in die Welt des Mannes, in sein Hauptgebiet eindringt...“ Aber nach der Katastrophe von Stalingrad korrigierte er sich und befahl den „umfassenden Einsatz von Männern und Frauen für die Aufgaben der Reichsverteidigung“.

Am Ende des Zweiten Weltkriegs waren ungefähr 450 000 Frauen bei Wehrmacht und SS beschäftigt. Sie arbeiteten in Fernmeldezentralen, im Flugmeldedienst, als Stabs- und Luftwaffenhelferinnen, fuhren Lastwagen, ritten Pferde zu, waren Flakhelferinnen oder Aufseherinnen in den KZs. Dazu kamen Ärztinnen im Sanitätsdienst und Schwesternhelferinnen des Deutschen Roten Kreuzes. Insgesamt waren über 800 000 Frauen im Krieg.

Als der Krieg verlorenging, kamen auch sie in Gefangenschaft. Wie die Männer arbeiteten auch die Frauen aus dem „weiblichen Wehrmachtgefolge“ und über 100 000 Zivilverschleppte in französischen, englischen und russischen Lagern; beim Eisenbahnbau, beim Holzfällen, im Uranbergwerk. Archiv- und Filmmaterial darüber gibt es wenig.

Nach zwei Dokumentationen über die Geschichte kriegsgefangener Männer in östlichen und westlichen Lagern ist Eva Bertholds Dokumentation über kriegsgefangene Frauen ein erster, wichtiger Versuch, von Frauenschicksalen in den Gefangenenlagern zu erzählen (und gleichzeitig an den Widerstand von Frauen im Dritten Reich zu erinnern).

Wie schon in ihren früheren Dokumentationen montiert Eva Berthold auch diesmal wieder Augenzeugen-Interviews mit historischem Filmmaterial. Vor Peter Hassensteins stehender Kamera erzählen acht Frauen vom Krieg. Eine von ihnen, Ende sechzig, zeigt Bilder von ihrem Hof in Ostpreußen und erzählt vom Tod. Zwischen 1941 und 1945 sind zwei ihrer Brüder gefallen, wurde ein Bruder erschlagen, verhungerte ein anderer in Stalingrad, blieb der jüngste auf der Krim vermißt. Ihr Verlobter ritt auf eine Mine und starb. Sie selber wurde im Februar 1945 nach Rußland verschleppt und mußte drei Jahre ihres Lebens in russischer Kriegsgefangenschaft verbringen. Von ihrer Familientragödie und deren Shakespearescher Dimension erzählt sie vollkommen sachlich, ganz und gar ohne Selbstmitleid. Das ist das Erschütternde an Eva Bertholds Dokumentation: In fast allen Kriegsgeschichten dieser Frauen erscheint das grauenhafte, unvorstellbare, das unerträgliche Leid als der Alltag jener Tage. Nicht von den Herren der Geschichte erzählen Eva Bertholds Dokumentationen, sondern von deren Opfern.

In der Berichterstattung des Fernsehens über den Krieg im Libanon ist wieder ausgiebig von Schulddebatten, von Interessenkonflikten und höherer Politik die Rede. Kaum einer aber filmt die Geschichte der Opfer. Die Geschichte der Opfer zu schreiben, ist Eva Bertholds dokumentarische Arbeit. Helmut Schödel