Dieser Turm endet im Himmel. Denn das Ulmer Münster ist nicht einfach groß; es sprengt ganz einfach alle Dimensionen.

Von der Ferne meint man, die ganze Stadt dränge nur zu diesem einen Punkt hin; in der Nähe möchte man eher glauben, das Münster dulde kein anderes Bauwerk neben sich. Es ist eine besitzergreifende Kirche, der verkörperte Herrschaftsanspruch. Kein Turm hat dieses Selbstbewußtsein: Es ist der höchste Kirchturm der Welt.

Besucher bleiben denn auch wie vom Donner gerührt auf dem vollgeparkten Münsterplatz stehen, wandern mit den Augen ungläubig die ungezählten Pfeiler, Brüstungen, Fialen und Geschosse hinauf, legen den Kopf immer tiefer in den Nacken, verharren bei Kreuzblumen und Wasserspeiern, haben schließlich bei 161 53 Metern die Turmspitze erreicht - Manche schwanken danach ein bißchen. An diesem Morgen aber ist Ulm noch nicht zu schwäbischer Geschäftigkeit erwacht, nur das "Cafe Mohrenköpfle" rechts vom Münster putzt bereits die Fenster; es ist 7 45 Uhr und noch kein Bus weit und breit. Um diese Zeit raucht Bruno Werner seine erste selbstgedrehte Zigarette, Marke "Gold Dollar", an der Münster Kasse, Dutzende davon trägt er in einer Holzschachtel mit sich herum: Zum Drehen hab ich ja Zeit "

Bruno Werner ist Turmwärter, sein Arbeitsplatz liegt 70 Meter oder 372 Stufen hoch "Der erste Gang ist der schlimmste", sagt er, "da hab ich das Jackett noch an und die volle Thermosflasche in der Tasche "Unbarmherzig schraubt sich die Wendeltreppe in der schmalen Spindel in die Höhe. Aus den großen unverglasten Fenstern, die nur mit einem Eisenkreuz gesichert sind, sieht man auf Baugerüste und gotische Fialen, so hoch und spitz, wie anderswo Kirchtürme sind. Die Fersen des 63jährigen Turmwärters habe ich längst verloren. Mindestens dreimal am Tag läuft er die 372 Stufen hoch zur Vierecksgalerie, mindestens zweimal die 168 Stufen zur Achteck Plattform und mindestens einmal die 208 Stufen zur Kranzgalerie hoch oben im Helm.

Gleich über den Glocken, auf dem Viereck, liegt sein Büro. Nieselregen hat eingesetzt, die Wolken hängen tief, trübe Aussichten für einen Augusttag im Süden. Ulms Stadtgrenzen verlieren sich im Dunst. Von hier oben sieht es aus, als sei dieser Turm mit den paar Häusern drumherum schon die ganze Welt. Verschluckt die oberschwäbischen Hügel, die daliegen, als ruhten sie sich aus, die glitzernden Weiher und fröhlichen Wiesen, verschluckt das ganze herrliche, barocke Voralpenland.

Wie oft er wohl schon die Alpenkette gesehen hat, will ich Bruno Werner fragen, der erst seit 14 Monaten vom Hausmeister eines Sportvereins zum Turmwärter aufgestiegen ist. Aber der hat ganz andere Dinge im Kopf "Nur zum Fressen und Scheißen kommen diese verdammten Falken hierher", sagt er und wirft unfreundliche Blicke auf die beiden Osttürme, in denen zwei Turmfalkenpärchen nisten "Sehen Sie die kleinen weißlichen Fladen? Das sind die Falken. Tauben haben einen anderen Schiß "

"Der Turm gehört zum Gotteshaus. Die Besteiger werden gebeten, sich würdig zu verhalten, Lärmen zu unterlassen und den Turm in keiner Weise zu verunreinigen", steht groß an einem Wandschild. Doch nicht nur die Vögel, auch die Menschen schert das wenig. Eine halbe Million Besucher kommt im Jahr; im Juli und August sind es täglich Tausende. Sie zahlen eine Mark Eintritt, stiefeln mehrheitlich in die Kirche wie in ein Museum und besteigen den Turm wie eine vom Fremdenverkehrsamt angelegte Aussichtsplatte. "Am schlimmsten ist die Beerenobstzeit", sagt der Turmwärter, mit 1 86 Meter Größe, grauem Menjou Bärtchen, Goldzahn und Armkettchen ganz sicher kein typischer Glöckner "Vier, fünf Schulklassen am Tag mit jeweils dreißig, vierzig Kindern", rechnet er vor, "das sind mindestens 150 Tüten mit Kirschen, Pfirsichen und Pflaumen " Im Schauraum, wo sich zu den vollen Stunden die Besucher drängen, um durch kleine Glasfenster die schweren Glocken schlagen zu sehen, öffnet er die Tür zu seinem Arbeitszimmer. Ein heimeliger Raum, ganz mit dunklem Holz getäfelt, mit spätgotischen Schnitzereien und Butzenscheiben in den Fenstern. Eine alte Pendeluhr schlägt neun Uhr, ganz so, als schlage einem hier oben nicht schon genug die Stunde.