Hervorragend

Oriental Wind: „Live in Bremen.“ Das ist eine eigenartig fesselnde Musik, sehr genau, sehr dicht gearbeitet, und noch in den langen kunstvollen Improvisationen spürt man die kompositorische Kraft. Diese Musik hat, gar kein Zweifel, orientalische Züge. Doch die Themen aus der türkischen Volksmusik erfahren eine eigenartig abstrahierende und zugleich kräftigende, mitunter ekstatische Verwandlung in Jazz. Seine Basis sind oft ostinate, exotisch rhythmisierte Themen, auf und mit denen sich ganz erhebliche musikalische Steigerungen von bisweilen enervierender Schönheit ereignen. „Und manchmal“, sagen die vier Musiker, „tragen die Melodien oder Rhythmen selbst so stark, daß man gar nicht improvisiert.“ Die Musiker sind der aus der Türkei gebürtige Okay Temiz (Schlagzeug und Berimbau), die Schweden Lelle Kullgren (Elektrische Gitarre) und Lennart Åberg (Saxophone), sowie Bronislav Suchanek (Kontrabaß) – allesamt versierte, exzessive, gleichwohl sehr sensibel (re-)agierende Musiker, deren Spiel man in seltsamer Verzauberung folgt. (JA & RO, Hoyeler Kirchring 17, 4520 Meile 7; Nr. 007)

Manfred Sack

Enttäuschend, aber unverzichtbar

Giacomo Puccini: „Turandot“. Man kann ihnen ja nicht ewig nachtrauern, der Callas und der Tebaldi, der Nilsson und der Sutherland – irgendwann, so hofft jeder Produzent und jeder Dirigent, jeder Käufer also auch, irgendwann gibt es sie wieder, die ganz große Sopranstimme, die den Belcanto beherrscht und die messa voce, die verschiedene Register hat und Farben, und das alles bruchlos bindet. An „Turandot“, diesem vielleicht kompliziertesten Werk Puccinis, das den reinen Schönklang überschreitet und das in der Harmonik erkennen läßt, daß Debussy fast altersgleich war – an „Turandot“ zeigt es sich noch erbarmungsloser als an „Tosca“ oder gar „Manon“, wer was kann. Die jüngste Aufnahme macht zunächst ganz große Hoffnungen. Gleich die einleitenden Bläser-Unisoni in ihrer Ganzton-Modalität, dann die den Scharfrichter vorausverkündenden acht fortissimo-Akkorde und, mehr noch, die sieben im piano wie ein makabres Echo folgenden Streicherklänge – das hat über alles Sentiment und allen Grausamkeits-Realismus hinaus autonome musikalische Qualitäten, läßt eine ganz große Orchesterleistung erwarten. Und in der Tat: Das instrumentale Gerüst dieser Aufnahme ist superb und wird im Klang von keiner mir bekannten „Turandot“-Platte erreicht. Aber gerade von Herbert von Karajan hätte ich das äußerst Mögliche an Präzision zu erhalten geschworen. Doch schon die ersten Choreinsätze zeigen erhebliche Schwankungen, nicht einmal der rechte und der linke Chorkanal sind synchron, und solches wiederholt sich bis in das „Gloria a te“ des Finales. Und ich hätte auch vermutet, von Karajan, der seine Plattenmischungen früher sehr zu kontrollieren gerühmt (und gefürchtet) wurde, eine sorgfältige Balance im Klang zwischen verhallten und trockenen Teilen, zwischen den in der Lautstärke technisch komprimierten und den in natürlicher Dynamik belassenen Abschnitten, zwischen der direkten und der distanzierten Aufnahmeweise erarbeitet zu bekommen. Doch von alldem kann nur sehr bedingt die Rede sein. Also die Stimmen? Katja Ricciarellis Pianissimi, die Farbe in ihrer Tiefe, die Ubergänge, die Aufschwünge, das alles ist phantastisch. Aber dann fehlt halt doch die Krönung, das mühelos strahlende Forte der Spitzentöne. Placido Domingo: glänzend immer dann, wenn auch nur ein Anflug von Lyrik sich anbringen ließ, auch in den zornig-entschlossenen Wendungen; allein ganz triumphal in den Höhen ist sein Kalaf auch nicht. Die (in ihrer Kürze unverhältnismäßig leicht reüssierende) überzeugendste Leistung: die geradezu kindliche und in ihrer Innerlichkeit zutiefst rührend-glaubwürdige, in jeder Phase makellose Liù von Barbara Hendricks. (DG 2741 013)

Heinz Josef Herbort

Hörenswert