Die Erfahrungen eines Korrespondenten in der DDR (I)

Von Fritz Pleitgen

Zuletzt war es wie im Märchen. Alle Wünsche gingen in Erfüllung. Erich Honecker war die gute Fee. Aufnahmen in der Semper-Oper? Selbstverständlich! Umfrage in Dresden? Keine Einwände! Interviews der Militärakademie? Warum nicht!

Nobel wurde aller Hader beiseite geschoben. Zum Abschied erschienen ein Politbüro-Mitglied, der Literaturminister und der Präsident des Schriftstellerverbandes. Welche Sträuße hatten wir miteinander ausgefochten, was uns alles an den Kopf geworfen: lügnerische Berichterstattung, Einmischung in innere Angelegenheiten, geheimdienstliche Aktivitäten – Zensur, Schikane, Verletzung der Schlußakte von Helsinki. Atemlos verfolgte das Publikum in Ost und West das titanische Ringen und merkte nicht, daß es nur eine ordinäre Schlammschlacht war.

So ist das zwischen den beiden deutschen Staaten: Aus jeder Blähung wird ein Donnerschlag. Die Zurückweisung eines westdeutschen Politikers (Verzeihung, Herr Vogel) rückt publizistisch an die Seite des Libanon-Konflikts; die Berichterstattung über die Friedensbewegung in der DDR ist für Ost-Berlin ein Anschlag auf den ersten deutschen Arbeiter-und-Bauernstaat.

Wer das Theater aus nächster Nähe beobachtet, muß den Eindruck von zwei besonders unreifen Staaten gewinnen. Aber hat man nicht gelegentlich mitgemacht?

Der Posten in der Uniform eines Volkspolizisten hatte offenbar auf mich gewartet. Als ich meine Ostberliner Wohnung in der Leipziger Straße verließ, trat er auf mich zu und wünschte "Alles Gute für die verantwortungsvolle Tätigkeit in Washington". Ich bedankte mich artig. Nach fünf Jahren war es das erste Mal, daß wir miteinander sprachen. Bei Tag und Nacht waren wir uns über den Weg gelaufen; nie hatten wir uns eines Blickes gewürdigt. Zwei Deutsche, die nicht aus ihrer Haut konnten beziehungsweise wollten.