Von Hans Platschek

Unter dem Strich, so scheint es, bleibt wenig übrig. Mitunter liest sich der Text wie ein hilfloser Schüleraufsatz. Robert Walsers Prosa ist um Zusammenhänge bemüht, die ständig, so sieht es aus, an der Gedankenflucht des Autors scheitern. Aber schon Benjamin hat auf die Systematik dieser Brüche hingewiesen: die Nichtigkeit sei Gewicht, die Zerfahrenheit Ausdauer. Äußerste Absichtslosigkeit und höchste Absicht gäben sich auf eine vollkommene Weise die Hand.

Was für die erzählende Prosa gilt, spitzt sich dort zu, wo Walser über Bücher und Bilder schreibt, in dem Band –

Robert Walser: „Maler, Poet und Dame – Aufsätze über Kunst und Künstler“; detebe 20794, Diogenes Verlag, Zürich, 1981; 267 S., 9,80 DM.

Die Lektüre und die Bildbetrachtung lassen sich mit einem vorgefertigten Material ein, nicht also mit einer Welt der Dinge, davor Walser, wie Benjamin sagte, in eine„Desperadostimmung“ geriet. Realitäten sind hier vielmehr derart umgesetzt, daß sich Walser in der Lage sieht, aus den Zeichen das zu lesen, was ihn als empfängliches Subjekt berührt oder, raffinierter, was er, als Zeichen, in eine private, ihm, Walser, gehörende Realität herüberzieht.

„Ich dachte heute an Hamlet“, so beginnt der Hamlet-Essay, um fortzufahren: Nebenher gesagt, riefen mir soeben Kinder einen Übernamen nach.“ Der Absatz fällt förmlich auseinander; die Einfälle jagen sich, und der letzte Satz endet im Abseits: „Vielleicht werde ich, wenn ich dies aufgeschrieben haben werde, einen Sportplatz aufsuchen.“ Erst dann ist von Hamlet die Rede. Eindrücke und Sentenzen reihen sich in der Gebrochenheit des ersten Absatzes, der, wie man nunmehr merkt, mimetisch auf Hamlets Zögern eingeht. Mehr noch, Walser läßt es dabei nicht bewenden: plötzlich ist Hamlet eine reale Figur. „Wie oft ließ er seinen Kopf hängen. Seine Hände wurden mit der Zeit die Sensibilität selbst.“ Dazwischen erfährt man das Naheliegende, daß nämlich auch dieser Hamlet eine literarische Figur bleibt. Die Ambivalenz erweist sich als Kunstgriff, angewandt, um ein Maximum an Nähe zu gewährleisten. Das Schüchterne, ja Verlegene, das Ausweichen in persönliche Anmerkungen, tragen dazu bei, daß am Ende ein merkwürdig untheatralischer Hamlet, einer, dem es nie in den Sinn käme, „Sein oder Nichtsein“ über die Rampe hinweg zu deklamieren, auftaucht.

Gespannt ist man, sobald man im Inhaltsverzeichnis den Titel „Cézannegedanken“ liest. Dem Maler des Mont Sainte-Victoire müßte Walsers durchlöchertes Schreiben zugutekommen. Auch Cézanne hat, wenn man einmal zwei grundverschiedene Disziplinen vergleichen will, keinen Umweg gescheut, um die „schreckliche Natur“, wie er es nannte, in ein System von Auslassungen und Annäherungen zu übertragen: die weißen, ungemalten Stellen in vielen Bildern, in den Aquarellen zumal, geben auf ihre Weise Auskunft über eine „Desperadostimmung“.