Jeder heutige Mensch kann einen Anspruch vorbringen, gefilmt zu werden“, heißt es bei Walter Benjamin. Diesen Anspruch zu erfüllen, bemüht sich die erfindungsreiche Video-Branche. Aus Amerika stammt die Idee, Testamente auf Video-Band aufzunehmen. Was wie ein makabrer Scherz klingt, ist eine gewinnträchtige Neuerung, die nun auch in der Bundesrepublik Anklang findet.

In Hamburg beispielsweise gibt es zwei Unternehmen, die zu Diensten stehen. Hat man sich zur Nachlaßregelung per Video entschlossen, schickt die eine Firma, eine Versicherungsagentur, einen gestandenen Werbe- und Industriefilmer ins Haus des Kunden, um ihn in vertrauter Umgebung vor der Kamera sein – auch mit persönlichen Anmerkungen ausgeschmücktes – Testament verlesen zu lassen. Der Preis für den zehn Minuten langen Spot beträgt, je nach angewandten Finessen, zwischen 250 und 500 Mark. Weitaus teurer und professioneller geht es bei der zweiten Firma zu, die als Video-Studio besteht. Für 1200 bis 1650 Mark bekommt der Kunde hier ein Standard-Testament, das ihm einige Spielmöglichkeiten gestattet. So wird sein Film mit einer persönlichen Titelgrafik versehen und eine Musik seiner Wahl gespielt. Will er nicht zu Hause oder im Yachthafen gefilmt werden, darf er auch die Studiodekoration bestimmen: „sachlich am Schreibtisch (mit Telephon und Kalender)“; feierlich am Stehpult (mit Vase und Blumen)“; „freistehend religiös (mit Kreuz und Engel)“ oder „gemütlich auf dem Sofa (Wohnstuben-Atmosphäre)“.

Wesentlich teurer wird das „Kreativ-Testament“. Des Kunden Phantasie sind kaum Grenzen gesetzt. Einer wollte umringt werden von halbnackten Hula-Hula-Mädchen in einer Palmenkulisse, aus der im rechten Moment eine Kokosnuß plumpst, während der Schatten eines Engels über das Geschehen fällt. Andere wollen ihren Lieblingsfilm wie „Vom Winde verweht“ eingearbeitet wissen. Das Video-Testament allein ist übrigens nicht rechtsgültig, es muß durch ein schriftliches ergänzt werden.

Der Kundenkreis umfaßt Verkäuferin und Bankdirektor, Krankenpfleger und Kapitän, es geht quer durch alle Bildungs- und Verdienstschichten. Alle aber scheinen das Medium Fernsehen gleichermaßen hoch zu schätzen – Autorität und Gültigkeit gebietend. In diesem Rahmen läßt sich leicht süffisant lächelnd der Familie verkünden, sie gehe leer aus, da sie einem doch nie gepaßt habe, das Vermögen falle an den hiesigen Tierschutzverein. Da läßt sich prächtig angesammeltes Unbehagen loswerden, das auszusprechen man immer wieder versäumte. Einer der Video-Regisseure meint, so mancher möchte den Hinterbliebenen „aus dem Grabe heraus noch einmal die Zunge ausstrecken“.

Andere geheime Sehnsüchte und lang gehegte Wünsche kommen endlich einmal zur Aufzeichnung. Selbstverfaßte, im Nachttisch verborgene Gedichte werden verlesen oder gern gesehenen Schauspielern zum Rezitieren überlassen. Und so manch Hinterbliebener lernt ganz neue Seiten des nun Verstorbenen kennen. Den Eindruck der Familie, daß er prüde gewesen sei, korrigierte ein Matrose mit seiner Testaments-Inszenierung gründlich.

Jan Peter Gehrckens

Die Gedanken sanken aufs Papier.