Aus seinen politischen Überzeugungen hat er nie ein Hehl gemacht: „Eisenhower konnte ich nicht ausstehen. Nixon war ein Brechmittel für mich. Ich habe ihn vierzig Jahre hindurch gehaßt.“ Und: „Reagan ist ein Grundübel. Mit ihm steuern wir in die Katastrophe.“

Wenn es schon ein Schauspieler sein mußte, der über das Schicksal der Erde entscheidet, dann wäre Henry Fonda nicht die schlechteste Besetzung für diese Rolle gewesen. Zweimal hat er den Präsidenten der Vereinigten Staaten gespielt: einen verträumten, jungen Winkeladvokaten aus Illinois, fern vom Zentrum der Macht, in John Fords „Young Mr. Lincoln“ (1939),’ und, 25 Jahre später, einen müden verzweifelten Mann, der in Sidney Lumets „Angriffsziel Moskau“ in einen nuklearen Zufallskrieg verwickelt wird.

Er war ein amerikanischer Held, aber keiner von der lautstarken Art: kein neureicher Demagoge wie Ronald Reagan, sondern ein Mann der unbeugsamen Vernunft, ein liberaler Demokrat. In seinen berühmtesten Rollen stand er für einen amerikanischen Traum, der in Vergessenheit zu geraten droht: den Traum von der Gerechtigkeit für alle. Er war der von der Sehnsucht nach einem besseren Leben nach Westen getriebene Landarbeiter Tom Joad in John Fords „Früchte des Zorns“. Er war der nachdenkliche, später zornige Cowboy in William Wellmans Lynchjustiz-Western „Ritt zum Oxbow“. Er war der in seiner Uberzeugung unbeirrbare Geschworene Nummer acht in Sidney Lumets „Die zwölf Geschworenen“ (dem einzigen Film, den er selber produzierte). Er war der vor den Untiefen der Macht erschreckende Präsidentschaftsanwärter in Franklin Schaffners „Der Kandidat“. Er war „Honest Hank“: Henry Fonda, ein Mann des Volkes.

Aber dieser lange Mensch mit dem markanten Profil, den hohen Backenknochen und den intensiven blauen Augen kannte auch die Niederlage: So geriet sein Traum nie in die Gefahr, nur ein rührendes, naives Märchen zu sein. Von Adlai Stevenson bis Eugene McCarthy sah er die politischen Kandidaten scheitern, die für ihn ein anderes, ein besseres Amerika repräsentierten, deren Kampagner. er aktiv unterstützt hatte. Mit seinen Kindern, Jane und Peter, deren Ruhm im letzten Jahrzehnt seinen eigenen zu überschatten drohte, versöhnte er sich erst spät. Vier seiner fünf Ehen scheiterten, die zweite endete mit dem Selbstmord der Mutter von Jane und Peter Fonda. Er galt als jähzornig. John Steinbeck beschrieb ihn als einen Mann, der jedem die Hand reicht und doch unerreichbar bleibt. Sanft, aber fähig, im nächsten Augenblick in wilde Wut auszubrechen.

So konnte er auch Männer im Zwielicht spielen, den tragischen Verlierer in Fritz Langs „Man lebt nur zweimal“, den sturen Kavallerie-Kommandeur, der seine Truppe in den Untergang führt, in John Fords „Fort Apache“, den alternden Schnellschützen in Anthony Manns „Der Stern des Gesetzes“. Da wurde hinter seiner Gerechtigkeitsliebe bisweilen ein schneidender Fanatismus sichtbar. Eindimensionale Figuren hat der Mann aus Nebraska, am 16. Mai 1905 geboren und 1935 vom New Yorker Theater nach Hollywood geholt, nie geliebt. Für Alfred Hitchcock spielte er, so sparsam, wie er es von seinem Mentor John Ford gelernt hatte, den jäh in einen Abgrund stürzenden Musiker Manny Balestrero, den „Falschen Mann“.

Der Western, das amerikanischste aller Kinogenres, verdankt der verführerischmühelos wirkenden Kunst von Henry Fonda einige seiner schönsten Figuren: den legendären Desperado Frank James, der sich umsichtig gegen das Unrecht wehrt, das über seine Familie kommt (in Jesse James“ von Henry King und „The Return of Frank James“ von Fritz Lang) und den legendären Gesetzeshüter Wyatt Earp in John Fords „My Darling Clementine“: schlaksig, galant, ein nobler Kavalier, ein Ritter der Prärie.

Ein amerikanischer Regisseur hätte es nie gewagt, den ehrlichen Hank als pechschwarzen Schurken zu besetzen, der ungerührt einen kleinen Jungen über den Haufen schießt. Henry Fonda hat diese Rolle in Sergio Leones Meisterwerk „Spiel mir das Lied vom Tod“ dennoch genossen. Sie blieb untypisch für ihn. Als er am Donnerstag letzter Woche starb, 77 Jahre alt, eine Legende des amerikanischen Kinos, ließen es sich die „Tagesthemen“ der ARD nicht nehmen, ihren Nachruf ausgerechnet mit einer der grausamsten Leone-Sequenzen zu schmücken. Henry Fonda hätte eine andere Grabmusik verdient: nicht die Maultrommel des Ennio Morricone, sondern die klare Anmut einer Ballade von John Ford.

Hans-Christoph Blumenberg