Eine Partei wie die SPD, die sich in einem krisenhaften Umstellungsprozeß befindet, hat Leitbilder und Orientierungsmarken bitter nötig. Kann Kurt Schumacher, die beherrschende Gestalt ihrer Anfänge nach 1945, eine solche Gestalt sein? Die dreißigste Wiederkehr seines Todestages am 20. August 1952 mag nahelegen, die Frage positiv zu beantworten. Aber ist eine solche Antwort mehr als ein Tribut an die Parteigeschichte? Auch wenn die SPD der Aufforderung folgte, die Herbert Wehner aus diesem Anlaß an sie gerichtet hat, nämlich Schumachers Vermächtnis zu bewahren: welches wäre denn dieses Vermächtnis für eine Partei, die halb durch die Umstände, halb durch die Konsequenz eigener Entscheidungen (und Nicht-Entscheidungen) auf eine Schleuderstrecke geraten ist?

Denn gewiß war Schumacher nichts weniger als jenes Überparteilichkeits-Denkmal oberhalb aller Streitigkeiten, dem in den politischen Kontroversen der letzten Jahre immer wieder von den Kritikern der Entwicklung in der SPD Kränze gewunden worden sind dafür war er zu streitbar, zu kantig, in seinen ökonomischen Ansichten zu marxistisch und überhaupt zu „links“. Aber es kann auch kein Zweifel daran sein, daß der Weg, den seine Partei in dieser Zeit genommen hat, seinen Beifall kaum gefunden hätte. Der gouvernemental denkende Mann hätte das Kokettieren mit dem Ausstieg aus der Regierung, das in Teilen der Partei kultiviert wird, schlichtweg für unzulässig gehalten, und auch der lebensreformerischen Bewegtheit, die die SPD an den Rändern und weit darüber hinaus ergriffen hat, hätte der staats- und autoritätsbewußte Preuße wohl ziemlich verständnislos gegenübergestanden.

Die Gefahr, daß Kurt Schumacher „gegen seine Partei ausgespielt werden soll“ – vor der der SPD-Vorsitzende Brandt gewarnt hat –, ist da nicht von der Hand zu weisen. Aber nicht geringer ist die Gefahr, daß die SPD sich seiner nur halbherzig erinnert, weil er ihr zu widersprüchlich erscheint. Und es ist ja wahr, daß Schumacher fast quer liegt zu den Fronten, in denen in der Partei und außerhalb von ihr gegenwärtig gefochten wird: Nationalist und Europäer, Anti-Kommunist, aber beileibe kein Rechter, prinzipienstark und rigoros in seinen Ansichten, aber zugleich ein geschworener Gegner jeder Dogmatik und Ideologie. Doch dahinter stand als integrierendes Zentrum der leidenschaftliche Wille zu einer Demokratie, die der politischen Verantwortung nicht ausweicht, sie auch nicht nur hinnimmt, sondern sie im Gegenteil sucht und will, und zwar ab bewußte Mit-Gestaltung staatlichen und gemeinschaftlichen Lebens.

Eine Botschaft läßt sich für die Partei heute daraus nicht destillieren, schon gar keine, die sich auf die Flaschen konkreter Handlungsanweisungen für diese innerparteiliche Zerreißprobe und jenes Koalitions-Gezerre abfüllen ließe. Aber etwas lernen ließe sich von diesem Exempel einer politischen Existenz schon, und sei es die Erkenntnis, daß politische Entschiedenheit nicht den Preis der Offenheit kosten muß – gemäß Schumachers Überzeugung, daß die Demokratie nur leben könne, „wenn die Menschen selbständig sind und den Willen zur Objektivität haben“.

Und selbst seine Schwächen könnten der Partei zu einer beherzigenswerten Einsicht verhelfen. Nicht zufällig hat Willy Brandt in seinem Erinnerungswort von Schumachers „eigenartigem „Alleinvertretungsanspruch‘“ für die SPD gesprochen. Er hat damit, mit warnendem Unterton, auf Schumachers vollkommene Verkennung der Rolle der Unionsparteien in der Nachkriegspolitik angespielt. Diese Uneinsichtigkeit hat der SPD für mehr als eineinhalb Jahrzehnte den Zugang zur Macht verwehrt. Rdh.