Von Hans-Jürgen Heise

HANS-JÜRGEN HEISE, am 6. Juli 1930 in Bublitz/Pommern geboren, floh 1950 von Ostnach West-Berlin und lebt seit 1958 in Kiel. Zu den wichtigsten Büchern des mit vielen Preisen geehrten Autors gehören der Gedichtband „Besitzungen in Untersee“ (1973), die Prosagedichte „Meine kleine Freundin Schizophrenie“ (1981) und die Essays „Ariels Einbürgerung im Land der Schwerkraft“ (1978).

In der zeitgenössischen deutschen Dichtung macht sich Verzweiflung breit. Nach Jahren, in denen eine übertriebene Geschichtserwartung den lyrischen Verkehrston bestimmt hat, scheinen plötzlich die Grundlagen jeder Hoffnung zerstört. Eine Katerstimmung wird spürbar, die unsere Kenntnis von den Grenzen des Wachstums, die ökologische Krise und die Bedrohlichkeit des atomaren Wettrüstens als Erklärungen für eine allgemeine Depression nimmt.

Die Unsicherheit ist stark genug, den Vorrat an formalen Mitteln aufzuzehren, den die Klassiker der Moderne geschaffen haben und der lange Zeit hindurch weltweit als ein dauerhaft gesicherter Fundus zur Verfügung stand.

Lyriker, die bis vor kurzem noch als beispielhafte Figuren einer progressiven Ästhetik galten, fangen unverhofft an, wieder zu reimen. Wenn man für das Zurückweichen auf vormoderne Positionen bei den einzelnen Autoren auch unterschiedliche Ursachen ausmachen kann, bleibt doch unübersehbar, daß da auf Errungenschaften verzichtet wird, die wesentlich das künstlerische Profil unseres Jahrhunderts bestimmt haben. Der Grund, weswegen die Lyrik derart in Bedrängnis gekommen ist, hängt mit der Geschichtsgläubigkeit der Avantgarde zusammen. Solange die Entwicklung in ungebrochener Linearität geradewegs in eine – stets als besser gedachte – Zukunft zu verlaufen schien, gab es für die Poeten keinen Anlaß, das eigene Streben nach Erneuerung und Verbesserung zu befragen, selbst dann nicht, wenn es nur reinen Happening-Charakter hatte und vom Erzeugen von Gags und Nichtigkeiten lebte.

Die Idee des unentwegten politischen, zivilisatorischen und gesellschaftlichen Fortschritts ging einher mit einem neuen Kunstbegriff, der sich aus einem ungewohnten Demokratieverständnis herleitete. Die Vorstellung von einer Poesie für alle lief jedoch nicht auf wirkliche Aktivierung und größere Sensibilisierung des Publikums hinaus. Vielmehr wurde Massenkultur durch Nivellierung angestrebt. Vieles Empfindsame wurde als „Innerlichkeit“ diffamiert, Schwieriges als „hermetisch“ verunglimpft.

Das Ergebnis war eine Lyrik, die sich auf die Rezeptionsfähigkeit breiter, doch unausgebildeter und nur oberflächlich interessierter Schichten kaprizierte. Die wichtigste „Zielgruppe“ war die jeweils jüngste Generation, bei der man sich geradezu anbiederte, ohne von ihr noch zu erwarten, daß sie vertraut mit den Leistungen der klassischen Moderne war. Dieser Bambinokult, der nicht nur, was wünschenswert war, junge Talente förderte, sondern viel Dilettantismus produzierte, brachte eine Subkultur hervor, die sich – metaphorisch gesprochen: mit Kopfhörern um – ganz und gar gegen die Außenwelt wie gegen die Vergangenheit abschottete. Von den Erfahrungen und Leistungen der stilbildenden Poesie des zwanzig-